Allerdings wächst mit zunehmendem Alter auch die Distanz zu den angeblich so wirklichkeitsnahen Formaten. Viele sehen die Shows als "Scheinwelt" und kritisieren, dass so manches Casting-Sternchen allzu schnell wieder verglüht ist.
Für die jugendlichen Zuschauer beweist Bohlens harte Linie Fachkompetenz. (© Foto: AP)
Anzeige
Dieter und Heidi: Cäsar und Kleopatra
Nicht zu unterschätzen ist nach Ansicht der Forscher auch die Faszination für die Leitfiguren der Shows, GNTM-Moderatorin Heidi Klum und DSDS-Juror Dieter Bohlen. Für 80 Prozent der Zuschauerinnen ist Model-Macherin Klum ein großes Vorbild. Bohlen findet bei seinem Publikum zwar etwas weniger Bewunderung, ihm wird allerdings hohe Kompetenz zugesprochen. Besonders verwunderlich: Die Bad-Cop-Schiene kommt an. Bei den älteren Jungs zwischen 18 und 19 Jahren finden sogar 83 Prozent Bohlens harte Kritik gut, "auch wenn er die Kandidaten dabei persönlich verletzt". Dass deckt sich mit anderen Umfragen, in denen Jugendliche angaben, von Bohlen lernen zu können, wie man zum Beispiel mit Freunden umgeht. Den Autoren der Studie zufolge ist die Betonung einer Jury-Figur etwas typisch deutsches - während die Formate weltweit produziert werden. "Anscheinend gibt es hier das Bedürfnis nach einer Meister-Figur", sagt Medienwissenschaftlerin Götz.
Der Trend: Anpassung und Selbstdisziplin
Die Faszination für Castingshows wir durch einen allgemeinen Trend verstärkt, glauben die Forscher: Vielen Jugendlichen geht es heute nicht um Widerstand gegen Eltern und Vorgesetzte. Im Gegenteil, es gilt, sich an bestehende Herausforderungen anzupassen, mit Selbstdisziplin und Leistungsbereitschaft die gesteckten Ziele zu erreichen. Genau hier kann die Wirkung solcher Castingshows aber gefährlich werden.
Gerade an GNTM wird immer wieder kritisert, ein oberflächliches, körperbetontes Frauenideal zu propagieren. Die Untersuchung der Münchner Medienwissenschaftler bestätigt das. So sagten die Zuschauerinnen etwa: "Das gibt mir Anreize, abzunehmen" oder "Dann denk ich mir, warum ich nicht so dünn bin". Das deckt sich mit anderen Untersuchung, die sagen, bei Mädchen steige die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper seit Jahren an. In der Dr.-Sommer-Jugendstudie zum Beispiel gaben im vergangenen Jahr 27 Prozent der Mädchen an, sie wären lieber schlanker. 2006, als die erste GNTM-Staffel ausgestrahlt wurde, waren es nur 18 Prozent.
Die Modelshow hat ihren Weg längst in die Kinderzimmer gefunden: GNTM als Partyspiel - mit Laufsteg im Wohnzimmer und der Jury auf der Couch. "Das wurde uns immer wieder erzählt und hat mich schon sehr überrascht", sagt Maya Götz. In diesem Spiel gehe es schließlich nicht mehr nur darum, Mutters Pumps anzuprobieren: "Hier geht es nur um Leistung und Form. Wer dem nicht genügt, wird ausgestoßen." Dabei werde schon in den Kinderzimmern das Prinzip der Abwertung kultiviert, so die Wissenschaftlerin.
Sich von Heidis Eleven und Bohlens Nachwuchstalenten die Ellbogentour abzuschauen und von den beiden Chefjuroren die harte Tour, dazu der Traum, berühmt zu werden - all das macht für viele Jugendliche die Faszination Castingshow aus. Und die aktuell laufenden Staffeln von GNTM und DSDS bieten bestimmt wieder ausreichend Zündstoff - für Schulhofgespräche, öffentliche Debatten und dann auch wieder wissenschaftliche Forschungen.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Castingshows: DSDS, X-Factor und Co. Wie wird man eigentlich Superstar? 14.04.2010
- Bohlen und "DSDS" "Aber geknutscht hast du schon?" 14.01.2010
- TV: "Germany's Next Topmodel" Galerien ohne Girls 12.02.2009
- Wohnungssuche in München Casting-Show für ein Zimmer in der WG 12.10.2009
- TV-Kritik: "Unser Star für Oslo" Alles superduper 10.03.2010
(sueddeutsche.de/leja/berr/cat)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Das Perfide an solchen Shows ist nicht, daß jeder zum nächsten Casting rennen würde - das erwartet auch kein seriöser Forscher. Nein, es geht darum, daß dort Werte und, ja, Vorbilder aufgetischt werden, die auf vielerlei Gedanken und Verhalten wirken können: Betonung rein äußerlicher Schönheit und Repräsentation, angebliche Erreichbarkeit von Träumen, wenn man nur fest genug an sich glaubt (obwohl selbst manche Gewinner das in frühen Runden gar nicht immer tun), Herunterschlucken von gesundheitlichen Problemen usw.
Aber viel schlimmer finde ich: extrem autoritärer Führungsstil, Einteilung von Menschen in Gewinner und - angeblich selbst verantwortete - Loser (die hätten sich ja mehr anstrengen können!), vernichtende Kritik an den "Untergebenen", ferner Unterdrückung jeglicher Gegen-Kritik, keinerlei Einflußmöglichkeiten, geschweige denn Kreativität, um die passiv konsumierte "Arbeitsumwelt" zu verbessern, ein umfassendes Gefühl, daß Anforderungen von der Mehrzahl nicht erreicht werden können usw. - wenn sich die "heutige Jugend" so auf den Beruf vorbereitet fühlt, dann gute Nacht.
Viel davon werden Jugendliche "auswachsen" und merken, daß die Welt anders tickt. Aber manches prägt durchaus ein Weltbild: Man sieht die Welt bekanntlich zu einem gewissen Grad so, wie man sie erwartet.
Schönheits- und isb. Gewichtswahn, Zustimmung für autoritären Führungsstil, Unfähigkeit, harte Kritik gut zu vermitteln - das *sind* (bedenkliche) Dinge, die die Sendungen vermitteln. Und das hat mit "Mögen" oder "Nichtmögen" der Moderatoren nur bedingt zu tun.
Die große Frage ist aber: Was würden die betreffenden Zuschauer stattdessen gucken? Daß (isb. Privat-)Fernsehen viele "schädliche" Werte transportiert, ist bekannt, aber deswegen werden die meisten Zuschauer nicht die Kiste abschalten. Wer also stattdessen eine TV-Serie mit perfekt gestylten Schauspielern anschaut... ist das besser? Und obgleich die Sendungen wohl Extreme in puncto unkritisch gelebter autoritärer Führungsstil und verachtender Kritik sind - sind manche Polizei- oder Bürofilme oder gar US-Militärfilme da so viel besser?
Was in der Studie fehlt, ist eine Vergleichsgruppe, die die Sendungen nicht schaut. Nur wenn die "besser" abschneidet und zwar *weil* sie die Sendungen nicht schaut (nicht: weil sie andere Werte hat, schaut sie die Sendungen nicht), dann kann man die Schund-Sendungen auch als schädlich bezeichnen.
"Pädagogin Gerda Sieben (vom) Jugendmedienzentrum jfc in Köln ... sieht die Show als gute Chance..." blabla. Heißt die gute Frau nicht doch Gerda von Pro Sieben?
Richtig!
Durch derlei Befragungen nicht relevanter Panelzusammensetzung und -größe - und dann auch noch auf suggerierende Fragen gestützt, wird wirklich niemand schlauer.
So gut wie nichts, von dem, was die Forscher hier extrahiert haben wollen, entspricht den Tatsachen. So doof ist Deutschlands Jugend nicht. Man guckt das, lästert ab und mag den Gossip .. aber mehr auch schon nicht.
Wie wäre es sonst zu erklären, dass eben nicht täglich hunderte nett aussehender Mädchen deutsche Modelagenturen bei deren offenen Casting Calls stürmen. Sicher sind es mehr geworden, seit GNTM läuft, aber von dem Hype, der da bei den Forschern tobt kann keine Rede sein.
Kompletter Unsinn ist die Feststellung über die Vorbildfunktion von Heidi Klum und ihren jeweiligen Mädchen. Pro Sieben hatte während den ersten drei Staffeln ein Forum geführt, in dem es vor Threads und Dauerdiskussionen zu jeder Tageszeit und während der Sendezeit nur so wimmelte. Dort gab es dann ab der zweiten Staffel sehr starken Gegenwind für Heidi Klum und sehr detaillierte Kritik an deren Blendwerk....... was letztlich dazu führte, dass Pro Sieben nun kein Fanforum mehr führt. Sowas lässt sich Heidi schließlich nicht gerne bieten...
In diesem Sinne, ein Hoch der Deutschen Legendenbildung mit Hilfe von falsch ermittelten Mafo-Daten, Talkshow-Dauer-PR für Klum und Bohlen und so weiter.....
Es ist mir absolut rätselhaft, warum sich Menschen so etwas freiwillig angucken. Ich habe da mal reingezappt, bei Germoneys Top Model. U N E R T R Ä G L I C H !
Casting-Shows als Schule für's Leben. Ach, die armen Kids von heute, was die alles können und leisten sollen. Mit spätestens sieben, acht Jahren ist heute schon die Kindheit vorbei. Dann muss man bereits das Leistungsprinzip für den Übertritt ins Gymnasium verinnerlichen. Danach folgt im Idealfall G8 mit teilweise bis zu vierzig Wochenstunden Schule. Nebenbei natürlich noch alle möglichen Sportvereine, Musikausbildung, Neigungs- und Interessengruppen für die physische, musische und soziale Kompetenz damit man dann nach seinem Prädikatsstudium ein unbezahltes Praktikum machen kann und für einen Hungerlohn seinen ersten Job ergattert.
Bis dahin wird die Jugend bestimmt und begleitet von Role Models aller Art, denen man nachzueifern hat und die das TV, die Werbung und die Medienindustrie vorleben.
Liebe Eltern: liebt eure Kinder, so wie sie sind und nehmt um Himmels Willen etwas von dem Druck, der von allen Seiten auf sie einwirkt. Sie werden es euch später danken. Heidi Klum und ihre gecasteten Parademädels sind keine Vorbilder. Sie sind allerhöchstens Zeiterscheinungen.
Paging