Heidis Mädchen sind Vorbilder. Sie zeigen auch, wie man sich durchsetzt. Medienforscher haben die Faszination für Castingshows genauer untersucht.
Seit vier Jahren droht donnerstags abends regelmäßig der Web-Server von studiVz zusammenzubrechen. Denn in den Werbepausen der Castingshow Germany's Next Topmodel (GNTM) gehen die Zuschauerinnen online, tauschen Haltungsnoten aus und fiebern mit. Der Traum, berühmt zu werden, beschert Pro Sieben gute Quoten. Und das, obwohl Heidis Topmodelsuche wie auch Bohlens Deutschland sucht den Superstar (kurz: DSDS) alljährlich redundant das selbe Programm abspulen: Wer ist der oder die Schönste, Coolste, Beste in diesem Land?
Gnadenlose Auslese: Hier kann man Ellbogeneinsatz lernen. (© Foto: dpa)
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Mittlerweile wird der Erfolg der Castingshows auch wissenschaftlich untersucht. Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen, kurz IZI, untersuchte im Sommer vergangenen Jahres das Phänomen Castingshow anhand GNTM und DSDS. Dafür wurden 1302 Schülerinnen und Schüler im Alter von neun bis 22 Jahren nach den Gründen für ihre Faszination für die TV-Castings befragt. Im Herbst sollen umfassende Erkenntnisse in Buchform vorgelegt werden, die ersten, nun vorab veröffentlichten Ergebnisse der großangelegten Studie überraschen.
Vorbildfunktion, auch unter der Oberfläche
Heidis Models zeigen nicht nur, wie schöne Frauen aussehen sollen, von ihnen kann man sich auch abschauen, wie man sich im Job durchsetzt.
So empfindet das jedenfalls die Mehrheit der Zuschaurinnen; unter den jüngsten GNTM-Fans zwischen neun und elf Jahren denken so 73 Prozent. Gleiches gilt für DSDS. "Das beste für einen Traum geben und an sich selbst glauben", ist nach Ansicht einer befragten Schülerin die zentrale Botschaft der Show. Das jugendliche Publikum ist der Ansicht, von den Mädchen auf dem Laufsteg lernen zu können, wie man "mit großen Herausforderungen umgeht": Unter den neun- bis 14-Jährigen bewerteten diese Aussage 73 Prozent als zutreffend.
Mögen erwachsene Zuschauer diese Ansicht auch belächeln, die Wissenschaft gibt den jungen Zuschauerinnen Rückendeckung. Für die Pädagogin Gerda Sieben ist "Disziplin als Mittel zum Erfolg" die zentrale Aussage der TV-Model-Auslese. Sieben leitet das gemeinnützige Jugendmedienzentrum jfc in Köln und sieht die Show als gute Chance, Karrieremechanismen wie Konkurrenzdenken und Solidarität aus der Distanz der Fernseh-Couch kennenzulernen.
Traum und Wirklichkeit
Viele der Befragten zappen durch die Castingshows, um anderntags auf dem Schulhof mitreden zu können - denn dort ist bei 82 Prozent der Schüler der samstägliche Rauswurf bei DSDS das Topthema. Doch damit wächst nicht unbedingt die Distanz zu den inszenierten Reality-Formaten. Für viele ist die Botschaft solcher Sendungen: "Auch du kannst das schaffen!" So fasziniert 71 beziehungsweise 82 Prrozent der DSDS- und GNTM-Fans die Sendung, weil dort ganz normale Jugendliche zu Stars werden.
"Das ist das Perfide an diesen Shows", sagt Maya Götz, Leiterin des IZI und Autorin der Studie, "dass dort nicht die Realität abgebildet wird, sondern die Kandidaten zu Losern und Hoffnungsträgern stilisiert werden." Für den Zuschauer sei die Inszenierung durch Szenenauswahl, Schnitt und Ton kaum zu erkennen, so die Medienforscherin.
Während DSDS mit seinen Peinlichkeitsvoyeurismus und Bloßststellungsprinzip auf viele auch abschreckend wirkt, kann sich die Hälfte der GNTM-Zuschauerinnen vorstellen, "selbst auch Model zu werden". Das ist deswegen so überraschend, weil bei anderen Jugendstudien der Model-Beruf regelmäßig weit abgeschlagen hinter Tierärztin oder Lehrerin rangiert. Götz beobachtet diese Entwicklung kritisch. "Viele Jugendliche wissen zwar, dass sie nicht singen können," so die Wissenschaftlerin. "Aber gerade bei Zuschauern aus sozial schwächeren Milieus ist ein Gefühl von Abwertung oft alltäglich. Solche Shows verstärken dieses Minderwertigkeitsgefühl."
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Das Perfide an solchen Shows ist nicht, daß jeder zum nächsten Casting rennen würde - das erwartet auch kein seriöser Forscher. Nein, es geht darum, daß dort Werte und, ja, Vorbilder aufgetischt werden, die auf vielerlei Gedanken und Verhalten wirken können: Betonung rein äußerlicher Schönheit und Repräsentation, angebliche Erreichbarkeit von Träumen, wenn man nur fest genug an sich glaubt (obwohl selbst manche Gewinner das in frühen Runden gar nicht immer tun), Herunterschlucken von gesundheitlichen Problemen usw.
Aber viel schlimmer finde ich: extrem autoritärer Führungsstil, Einteilung von Menschen in Gewinner und - angeblich selbst verantwortete - Loser (die hätten sich ja mehr anstrengen können!), vernichtende Kritik an den "Untergebenen", ferner Unterdrückung jeglicher Gegen-Kritik, keinerlei Einflußmöglichkeiten, geschweige denn Kreativität, um die passiv konsumierte "Arbeitsumwelt" zu verbessern, ein umfassendes Gefühl, daß Anforderungen von der Mehrzahl nicht erreicht werden können usw. - wenn sich die "heutige Jugend" so auf den Beruf vorbereitet fühlt, dann gute Nacht.
Viel davon werden Jugendliche "auswachsen" und merken, daß die Welt anders tickt. Aber manches prägt durchaus ein Weltbild: Man sieht die Welt bekanntlich zu einem gewissen Grad so, wie man sie erwartet.
Schönheits- und isb. Gewichtswahn, Zustimmung für autoritären Führungsstil, Unfähigkeit, harte Kritik gut zu vermitteln - das *sind* (bedenkliche) Dinge, die die Sendungen vermitteln. Und das hat mit "Mögen" oder "Nichtmögen" der Moderatoren nur bedingt zu tun.
Die große Frage ist aber: Was würden die betreffenden Zuschauer stattdessen gucken? Daß (isb. Privat-)Fernsehen viele "schädliche" Werte transportiert, ist bekannt, aber deswegen werden die meisten Zuschauer nicht die Kiste abschalten. Wer also stattdessen eine TV-Serie mit perfekt gestylten Schauspielern anschaut... ist das besser? Und obgleich die Sendungen wohl Extreme in puncto unkritisch gelebter autoritärer Führungsstil und verachtender Kritik sind - sind manche Polizei- oder Bürofilme oder gar US-Militärfilme da so viel besser?
Was in der Studie fehlt, ist eine Vergleichsgruppe, die die Sendungen nicht schaut. Nur wenn die "besser" abschneidet und zwar *weil* sie die Sendungen nicht schaut (nicht: weil sie andere Werte hat, schaut sie die Sendungen nicht), dann kann man die Schund-Sendungen auch als schädlich bezeichnen.
"Pädagogin Gerda Sieben (vom) Jugendmedienzentrum jfc in Köln ... sieht die Show als gute Chance..." blabla. Heißt die gute Frau nicht doch Gerda von Pro Sieben?
Richtig!
Durch derlei Befragungen nicht relevanter Panelzusammensetzung und -größe - und dann auch noch auf suggerierende Fragen gestützt, wird wirklich niemand schlauer.
So gut wie nichts, von dem, was die Forscher hier extrahiert haben wollen, entspricht den Tatsachen. So doof ist Deutschlands Jugend nicht. Man guckt das, lästert ab und mag den Gossip .. aber mehr auch schon nicht.
Wie wäre es sonst zu erklären, dass eben nicht täglich hunderte nett aussehender Mädchen deutsche Modelagenturen bei deren offenen Casting Calls stürmen. Sicher sind es mehr geworden, seit GNTM läuft, aber von dem Hype, der da bei den Forschern tobt kann keine Rede sein.
Kompletter Unsinn ist die Feststellung über die Vorbildfunktion von Heidi Klum und ihren jeweiligen Mädchen. Pro Sieben hatte während den ersten drei Staffeln ein Forum geführt, in dem es vor Threads und Dauerdiskussionen zu jeder Tageszeit und während der Sendezeit nur so wimmelte. Dort gab es dann ab der zweiten Staffel sehr starken Gegenwind für Heidi Klum und sehr detaillierte Kritik an deren Blendwerk....... was letztlich dazu führte, dass Pro Sieben nun kein Fanforum mehr führt. Sowas lässt sich Heidi schließlich nicht gerne bieten...
In diesem Sinne, ein Hoch der Deutschen Legendenbildung mit Hilfe von falsch ermittelten Mafo-Daten, Talkshow-Dauer-PR für Klum und Bohlen und so weiter.....
Es ist mir absolut rätselhaft, warum sich Menschen so etwas freiwillig angucken. Ich habe da mal reingezappt, bei Germoneys Top Model. U N E R T R Ä G L I C H !
Casting-Shows als Schule für's Leben. Ach, die armen Kids von heute, was die alles können und leisten sollen. Mit spätestens sieben, acht Jahren ist heute schon die Kindheit vorbei. Dann muss man bereits das Leistungsprinzip für den Übertritt ins Gymnasium verinnerlichen. Danach folgt im Idealfall G8 mit teilweise bis zu vierzig Wochenstunden Schule. Nebenbei natürlich noch alle möglichen Sportvereine, Musikausbildung, Neigungs- und Interessengruppen für die physische, musische und soziale Kompetenz damit man dann nach seinem Prädikatsstudium ein unbezahltes Praktikum machen kann und für einen Hungerlohn seinen ersten Job ergattert.
Bis dahin wird die Jugend bestimmt und begleitet von Role Models aller Art, denen man nachzueifern hat und die das TV, die Werbung und die Medienindustrie vorleben.
Liebe Eltern: liebt eure Kinder, so wie sie sind und nehmt um Himmels Willen etwas von dem Druck, der von allen Seiten auf sie einwirkt. Sie werden es euch später danken. Heidi Klum und ihre gecasteten Parademädels sind keine Vorbilder. Sie sind allerhöchstens Zeiterscheinungen.
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