Streit um UKW-Frequenz "Wir schieben die Klassik nicht ins Nirwana"

BR-Intendant Ulrich Wilhelm verteidigt die Pläne, "Puls" die UKW-Frequenz vom Klassikradio zu überlassen.

(Foto: Robert Haas)

Der Protest bei den Hörern ist erheblich, trotzdem sieht BR-Intendant Ulrich Wilhelm "keine Alternative" dafür, der jungen Welle "Puls" nicht die UKW-Frequenz des Klassikradios zu überlassen. Für den BR sei das eine Existenzfrage.

Von Stefan Fischer und Claudia Fromme

Seit Ulrich Wilhelm erklärt hat, dass er BR-Klassik zu einem reinen Digitalsender machen will, ist der Protest bei den Hörern erheblich. Nun verteidigt der Intendant des Bayerischen Rundfunks im Interview mit der SZ seine Pläne. Er sehe keine Alternative zu seinem Vorhaben, der Jugendwelle Puls die UKW-Frequenz des Klassiksenders zu überlassen, es sei für den BR eine Existenzfrage. "Wir heben einen Jugendsender auf UKW, weil wir uns nicht die Zukunft verbauen wollen", erklärt er. Der Generationenabriss unter den Hörern sei besorgniserregend. "Auch junge Leute müssen bei uns eine Heimat finden", sagt Wilhelm mit dem Hinweis darauf, dass die Verfassung dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorschreibe, ein Angebot für alle Altersgruppen zu machen.

"Wir schieben die Klassik nicht ins Nirwana", kommentiert Wilhelm seine digitalen Pläne für den einzigen reinen Klassiksender der ARD. Zum einen sei BR-Klassik schon heute der Sender mit dem höchsten Digitalisierungsgrad unter den Hörern, mehr als 40 Prozent liefen bereits über digitalen Satellit, digitales Kabel oder über DAB+. Zum anderen hätten Hörer den Mehrwert einer guten Klangqualität und vielen Zusatzangeboten wie die digitale Konzerthalle, in der Aufführungen abgerufen werden könnten.

Ulrich Wilhelm weist in dem Interview zudem daraufhin, dass die Klassik als einziger Bereich vom Sparhaushalt in diesem Jahr ausgenommen sei und sogar mehr Geld bekomme. Er wehrt sich damit gegen den Vorwurf, durch die geplante Entnahme von BR-Klassik aus dem UKW-Programm die klassische Musik abzuwickeln. "Ich stehe dafür, dass wir dieses großartige Klassikerbe, das der BR über Jahrzehnte aufgebaut hat, weiter pflegen. Deshalb schmerzt es mich, wenn es für möglich gehalten wird, dass wir mit diesem Weg eine Kulturvernichtung auf den Weg bringen. Ich habe, seit ich ins Amt gekommen bin, enorm in die Klassik investiert." Die Petition, in der sich bislang 50 000 Unterzeichner für den Verbleib von BR Klassik im UKW-Netz aussprechen, ficht den Intendanten nur teilweise an: "Viele sind - so meine Befürchtung - nicht umfassend informiert. Wenn Menschen aus Kalifornien oder Hamburg protestieren, wundere ich mich schon: Über UKW wird BR Klassik dort nicht verbreitet, sondern bereits heute digital."

Das Internet ist keine Alternative

Als Grund für den Tausch führt er besonders die Altersstruktur des BR an: Vier von fünf UKW-Wellen des BR haben ein Publikum, dessen Altersschnitt über 50 Jahren liegt, und selbst bei Bayern 3 sind sie Hörer im Schnitt 43 Jahre alt. Die Jugendwelle Puls soll Hörer unter 30 bedienen. Er tritt damit auch den Kritikern des privaten Hörfunks entgegen, die befürchten, ein drittes UKW-Massenprogramm des BR neben Bayern 1 und Bayern 3 etablieren zu wollen. "Puls ist kein Hitradio, wie viele Private eines betreiben. Puls ist kein Mainstream." Puls, das bislang ausschließlich digital über DAB+ und das Internet verbreitet wird, ist "ein anspruchsvolles Programm für Hörer unter 30 mit mehr als 25 Prozent Wortanteil und Musik, die man sonst nirgendwo hört", sagt Wilhelm.

Ein Selbstläufer, der keiner ist

Auf Dauer kann das Radio kein analoges Medium bleiben - dazu ändert sich das Nutzungsverhalten der Hörer zu gravierend. Doch obwohl der neue digitale Standard DAB+ bereits gesetzt ist, streiten sich Sender und Politik über eine neue Infrastruktur für den Hörfunk. Von Stefan Fischer mehr...

Wilhelm erachtet die analoge Verbreitung von Rundfunk als nicht zukunftsfähig: "Nach und nach werden alle Infrastrukturen digitalisiert, Radio kann keine analoge Insel bleiben." Deshalb gelte es, den Umstieg auf DAB+ endlich zu schaffen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei dabei der Schrittmacher, profitieren würden am Ende alle davon - auch die Privatsender. Die Verbreitung über DAB+ koste die Sender ein Drittel weniger als UKW.

Das Internet sei dabei keine Alternative für das öffentlich-rechtliche Radio, Wilhelm glaubt an die Notwendigkeit eigener digitaler Netze für den Rundfunk. Internetdienste könnten das Programm auseinanderpflücken und nur noch die populärsten Sendungen bringen. Zudem gebe es in einem eigenen Rundfunknetz nicht die Möglichkeit der Eingriffe für Dritte und "maximal möglichen Datenschutz".

Das gesamte Interview mit Ulrich Wilhelm lesen Sie in der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung.