Streit um das Springer-Erbe Enkeldämmerung

Im Mai wird Axel Springers 100. Geburtstag gefeiert. Was sein Enkel nun erzählt, könnte die Stimmung etwas trüben. "Aggi" sieht sich um einen großen Teil seines Erbes betrogen und teilt diesen Jammer pünktlich zum Jubiläum in einem Buch mit. Es sei "nicht alles toll" gelaufen - Stiefgroßmutter Friede Springer macht er dennoch ein Gesprächsangebot.

Von Hans Leyendecker

Die Beziehung von Rudolf Augstein, dem Spiegel-Gründer, und Axel Cäsar Springer, dem Verleger von Blättern wie Bild und Hörzu, war zumeist ziemlich kompliziert. Augstein hat die Verbindung mal ein "Freund-Feind-Verhältnis" genannt. Feinde waren sie am Anfang ganz sicher, Freunde am Ende, wenn überhaupt. Drei Titelgeschichten hat Augstein, wie er mal behauptete, "mit eigener Feder" über den Auflage-Cäsaren geschrieben, die nicht erschienen seien, weil sie ihm offenbar nicht genügten: "Ich kriegte ihn nicht in den Griff."

Berliner Jubiläums-Buhei: Friede Springer vor einer Sonderbriefmarke mit dem Bild ihres Mannes. Über die Enthüllungen ihres Stiefenkels dürfte sie wenig erfreut sein.

(Foto: dapd)

Ausgerechnet zwei Wochen vor einem Springer-Jahrestag, der in Berlin vermutlich mit noch mehr als dem ortsüblichen Buhei gefeiert werden wird (am 2. Mai wäre Springer hundert Jahre alt geworden), erscheint diese Woche im Spiegel ein Interview mit Axel Sven Springer, genannt "Aggi", der als Lieblingsenkel des Alten galt. Es ist sein erstes Interview überhaupt.

Anlass ist das Erscheinen eines von Aggi verfassten Buches mit dem Titel Das neue Testament, das vermutlich dem Großvater nicht besonders gefallen hätte. Es ist wohl kein nettes Buch und auch kein frommes Buch geworden. Der ewig junge Mann, der nun auch schon 46 Jahre alt ist und dem 2,6 Prozent des Springer-Konzerns gehören, was nach heutigem Aktienkurs rund hundert Millionen Euro wert wäre, fühlt sich um einen großen Teil seines Erbes betrogen.

Er lässt die Welt an diesem Jammer teilhaben und findet, es sei Zeit, "einer breiten Öffentlichkeit zu erklären", warum er wegen des Erbes sieben Jahre lang (vergeblich) gegen die Haupterbin Friede Springer prozessiert habe. Er zaust die Stiefgroßmutter Friede tüchtig, die sich, ebenso wie andere ehemalige leitende Angestellte des Konzerns fragen solle, warum sie da sei, wo sie sei. Ohnehin sonnten sich einige "lieber im eigenen Glanz", als "etwas mehr Dankbarkeit" für den Alten zu zeigen, sagt der Erbe.

Erbschaftsstreit vor größerem Publikum

Nun gibt es in der Welt viele Arten von Ungerechtigkeiten, und der Befund, dass einer nur ein Aktienpaket im Wert von hundert Millionen Euro besitzt, statt wie ihm das Magazin vorrechnet, über ein Paket im Wert von fünfhundert Millionen Euro verfügen zu können, ist kein Allerweltsfall: "Ob 100 oder 500 Millionen, beides ist so viel Geld, da bekomme ich wie Sie einen Schreck", sagt sogar der Enkel. Seine Geschichte ist aus zwei Gründen interessant: Beziehungen von Großvätern und Enkeln haben wegen der speziellen Familiendynamik und den Familiengeheimnissen ihren speziellen Reiz, und der Erbschaftsstreit im Hause Springer, den nur ein Fachpublikum kennt, hat ein größeres Publikum verdient.

Axel Springer, der damals ein Viertel der Konzernanteile besaß, hatte 1983 testamentarisch verfügt, dass seine Ehefrau Friede fünfzig Prozent, Tochter Barbara und Enkel Axel Sven je 25 Prozent erhalten sollten. Nach Springers Tod im September 1985 eröffnete der Testamentsvollstrecker Bernhard Servatius der Erbengemeinschaft, der Verleger habe kurz vor dem Tod in einem Sechs-Augen-Gespräch mit ihm und Friede Springer sein Testament neu gefügt.

Er habe gesagt, seine Frau sollte siebzig Prozent der Anteile erhalten, seine zwei Kinder sollten je zehn Prozent erhalten und die Enkel Axel Sven und Ariane je fünf Prozent. Nur fünf statt 25 Prozent. Unterzeichnet hatte er das Testament nicht. In einer notariellen Vereinbarung vom Oktober 1985 hatten sich alle Betroffenen mit dieser Regelung einverstanden erklärt. Auch der damals 19-jährige Axel Sven, der vermutlich überfordert war.