"Starfighter" auf RTL Flieger-Asse in Bonbon-Optik

Harry (Steve Windolf) liebt nicht nur seinen Starfighter, sondern auch die freche Betti. Die bewundert ihn heftig, äußert allerdings auch den absurden Gedanken, er solle doch lieber zur Zivil-Luftfahrt wechseln, weil es da weniger gefährlich ist. Hat denn Betti etwa nie einen Fliegerfilm gesehen?

(Foto: Wolfgang Ennenbach/RTL)

Um den "Starfighter" rankt sich einer der größten Skandale der Bundesrepublik - mit Hunderten Abstürzen. RTL macht daraus eine quietschgelbe Flieger-Romanze.

Von Willi Winkler

Ach, es ist alles so schön bunt wieder, als wär's ein echt nachgemachtes Amerika, Deutschland 1965, ein Remake als "German Graffiti": Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern ist ein einziger Ausstattungstraum mit bunten Hüten, extrakurzen Miniröcken und falschen Wimpern.

Wenn der Pilot landet, springt er ins Cabrio oder wenigstens in einen schweren, alten Mercedes, hochrädrig sind die Kinderwagen, ein wenig Kanzler Erhard ist dabei und arg früher Vietnam-Protest, und bei der Party wird nicht einmal der längst gegessene Käseigel vergessen. Nur Snoopy von den Peanuts bleibt auf seinem Traum vom Fliegen sitzen.

RTL feiert des Fliegers reine Seele. Die Mädchen kichern, die Burschen sind schneidig, die Bomber so phallisch, wie sie waren, bester Flieger-Porno also, Export-Version.

Vor lauter Freude darüber, dass man Songs der Rolling Stones, der Beatles, von Dave Clark Five und The Who einkaufen konnte, wurde leider vergessen, dass die deutsche Jugend von 1965 weder am Himmel noch auf Erden diese Klassiker hörte, sondern zeitgenössischen Mist von den Lords bis Freddy Quinn. (Die Lords, ein ganz besonderes Missverständnis der Evolution, traten zeitweise sogar als Starfighter-Piloten auf.)

Dafür ist die Geschichte so wahr, wie sie nur im Film wahr sein kann. Mit seinem Pilotencharme gewinnt Harry Schäfer (Steve Windolf), der selbstverständlich beste Flieger der Staffel, die freche Betti (Picco von Groote), holt sie von der Parfumabteilung im Kaufhaus weg in den Fliegerklub, lässt sich von ihr bewundern und legt die Stirn in ganz, ganz ernste Falten, wenn sie ihm in ihrer Sorge vorschlägt, von Mach 2 und todgefährlichen Loopings zur Zivilluftfahrt zu wechseln.

Wenn nur die Bürokraten nicht dazwischen funkten

Kennt sie denn nicht die ganzen Fliegerfilme von Howard Hughes und Howard Hawks, von Tom Cruise und Matthias Schweighöfer, aus denen jede einzelne Szene des Drehbuchs zusammengeräubert ist? Sonst wüsste die Gute doch, dass er sie zwar liebt, aber der Starfighter, den er so liebevoll streicheln kann, wenn er auf der Startbahn steht, sein Ein & Alles ist. Es ist eine Lust zu fliegen, wenn nur die Politik nicht immer dazwischenfunkte, die Bürokraten und diese stieseligen Vorgesetzten!

Auf Betreiben des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß, CSU, kaufte die Bundeswehr bei der amerikanischen Rüstungsfirma Lockheed gut 900 Abfangjäger und ließ sie so um- und aufrüsten, dass sie im Ernstfall taktische Atomwaffen bis hinter Moskau hätten transportieren können.

In Strauß' Auftrag überprüfte der Ingenieur Robert Lusser die Zuverlässigkeit des F-104, errechnete eine Absturzmarge von einem Fünftel der Maschinen und empfahl als Rettungsmaßnahme, die Atomschlagselektronik wieder auszubauen. Strauß wollte aber auf die atomare Option nicht verzichten. Lussers Warnung bestätigte sich grausam: Die Bundeswehr verlor fast ein Drittel ihrer Starfighter; bei 292 Abstürzen kamen mehr als hundert Menschen ums Leben.

Die Witwe führt den einsamen Kampf gegen Bürokratie und den Hersteller Lockheed

Für einen Film über Flieger-Asse in Bonbon-Optik (Kamera: Jörg Widmer) ist das verständlicherweise zu kompliziert; dafür wird wieder einmal von Bestechung des waffen- und flugbegeisterten Verteidigungsministers geraunt, für die es allerdings bis heute keinen Beweis gibt.

Strauß hatte seinen ersten Förderer, den mindestens zwielichtigen amerikanischen Captain Ernest F. Hauser, als Werbetreibenden an Lockheed empfohlen. Die Firma bestach weltweit und im großen Stil. Prinz Bernhard der Niederlande war offenbar zwischendurch so klamm, dass er sich eine coole Million in die Taschen stopfen ließ.