Sportrechte Die Macht der Bilder

13 Millionen Menschen sahen das EM-Finale. Doch wo läuft die WM?

(Foto: Adam Nurkiewicz/Bongarts/Getty)

Nach dem Erfolg der deutschen Handballer bei der EM warten die Fans schon auf das nächste große Fernsehereignis: die WM 2017. Doch daraus wird wohl nichts. Über einen irren Rechte-Poker.

Von Max Hägler

Diese Krakenarme, oder vielmehr, dieser Krakenkörper: Mit allen Spitzen und Kanten und natürlich mit Armen und Beinen wehrte Andreas Wolff im deutschen Tor die Würfe der Spanier ab. Seine Paraden waren Höhepunkte in diesem Finale der Handball-Europameisterschaft am Sonntag, das auch wegen des überragenden Torhüters 24:17 zugunsten der Deutschen ausging. Bundespräsident Joachim Gauck gratulierte ("Feiern Sie diesen Sieg!"), und vor den Bildschirmen wurde auch gefeiert: 13 Millionen sahen zu, Marktanteil 42 Prozent. Viele von ihnen dürften sich nun auf die nächste Party freuen: auf die Weltmeisterschaft 2017. Doch daraus wird wohl nichts.

Im Streit um den Fußball wurde die andere Sportart plötzlich zur Verhandlungsmasse

Es geht um Geld, Übertragungsrechte und mächtige, vielleicht übermächtige Mitspieler aus Katar, die eine Ausstrahlung verhindern könnten. Und ja, es geht auch um Fußball - und um die zunehmende Schwierigkeit der deutschen öffentlich-rechtlichen Sender, ihrem Publikum große Sportereignisse zu präsentieren.

An sich ist der deutsche Handball gut vertreten im Fernsehen, pro Woche gibt es auf Sport 1 zwei Spiele live. Doch bei den Weltmeisterschaften ist das anders. Die Rechte liegen beim Internationalen Handball-Verband, der IHF. Präsident ist der Ägypter Hassan Moustafa; Kritiker nennen ihn "Pharao" ob seines autokratischen Führungsstils und vergleichen ihn mit dem mittlerweile gestürzten Fifa-Präsidenten Sepp Blatter. Jedenfalls ist es ein Funktionär, der sich bestens auskennt mit dem Spiel mit TV-Rechten und Geldern: so erhielt er von einem Sportrechtevermarkter während seiner Amtszeit einige hunderttausend Euro zur Pflege der "guten Beziehungen zu Sportorganisationen und ihren Entscheidungsträgern".

Unter Leitung dieses Präsidenten hat der IHF die TV-Rechte 2015 und 2017 an "BeIn Sports" verkauft. Eine Firma, die hier kaum jemand kennt, aber die sich nach eigenen Angaben anschickt, ein weltweit führender Unterhaltungskonzern zu werden. Hauptsitz ist Katar, die Firma war einmal Teil von Al Jazeera, dem Quasi-Staatssender aus dem Emirat Katar.

In Spanien, Frankreich und bald wohl auch Italien läuft das Geschäft mit dem Pay-TV bestens. Der deutsche Markt hingegen ist schwierig: Trotz steigender Abozahlen bei Sky ist Pay-TV hierzulande immer noch nicht wirklich angekommen. Und überhaupt ärgern sich die Kataris über dieses frei empfangbare Fernsehen aus Deutschland: etwa wenn das ZDF auch per Satellit die Mittwochsspiele der Fußball-Champions-League in Wohnzimmer im Nahen und Mittleren Osten sendet. Unverschlüsselt, also umsonst. BeIn will damit in dieser Region Geld verdienen.

Und nun kommt eben auch der Handball ins Spiel, wird auch zur Verhandlungsmasse. Position der Kataris sei, so sagen mit der Materie vertraute Personen auf deutscher Seite: Wenn ihr die Handballrechte wollt, dann beschneidet die Satellitenverbreitung beim Fußball und die der Handballspiele ebenso. Doch das geht technisch nicht: Satellitensignale kennen keine Ländergrenzen. Eine generelle Verschlüsselung aller Signale kommt für die Öffentlich-Rechtlichen nicht in Frage, davon wären 18 Millionen Haushalte in Deutschland betroffen. Schon bei der WM 2015 scheiterte die Handballübertragung daran.

Als nächste Eskalationsstufe ließen die BeIn-Unterhändler angeblich durchblicken, dass man künftig einfach alle wichtigen Sport-TV-Rechte aufkaufe, der Preis spiele keine Rolle. Man habe manchmal den Eindruck, da gehe es nicht mehr nur ums Geld, sondern um Macht, formuliert einer von der deutschen Seite. Damit wird dieses Geschäft noch schwieriger, das sowieso schon von Milliarden-Forderungen geprägt ist, in dem sich öffentlich-rechtliche Sender, aber auch einzelne private immer schwerer tun, wie im vergangenen Jahr die Vergabe der TV-Rechte der Olympischen Spiele an die Discovery-Gruppe gezeigt hat. Im Gegensatz zur BBC, die in dieser Woche Sublizenzen erwarb, haben ARD und ZDF noch keine Lösung für die fehlenden Olympiarechte finden können.

Nun ist das Aufkaufen von Sportrechten aus machtpolitischen Erwägungen so einfach auch nicht. Denn es gibt - von der Europäischen Union gebilligt - Schutzlisten, in denen Regierungen festschreiben können, dass Sportereignisse von erheblicher Bedeutung frei empfangbar sein müssen, also in Deutschland etwa auf ARD, ZDF, Sat 1, RTL oder dem kostenlosen Eurosport-Kanal, der wiederum zu Discovery gehört. Rechteinhaber sind dann gezwungen, zu marktgerechten Preisen etwa Halbfinal- oder Finalspiele an Free-TV-Sender abzugeben. Doch in der entsprechenden Liste im Rundfunkstaatsvertrag sind nur Olympische Spiele und Fußball verzeichnet, nicht jedoch Handballspiele. Seit dem EM-Sieg und dem neuen Interesse an dem Sport kommt nun der Ruf, auch diese Sportart in die Liste aufzunehmen. "Zur Not muss sich die Politik einschalten, um WM-Bilder für jedermann in Deutschland sichtbar zu machen", schrieb etwa Uwe Gensheimer, der Kapitän der Handball-Nationalmannschaft, in Sport-Bild: "Denn diese Mannschaft will jetzt jeder sehen."