Soziale Medien Sofort so nah

Wenn alle überall dabei sind, sucht man nach Logos: Das Peace-Zeichen mit Eiffelturm von Jean Jullien wurde via Instagram zur Marke für die Anschläge.

(Foto: Robert Michael/AFP)

In den Netzwerken und im TV konnte jeder den Terror von Paris live miterleben. Die Anschläge waren noch nicht vorbei, als schon die Medienkritik einsetzte. Bilanz einer Woche im Ausnahmezustand.

Von Johannes Boie

Nachdem die Titanic gesunken war, dauerte es zwei Tage, bis die Zeitungen in den USA schrieben, dass womöglich auch Menschen ums Leben gekommen seien. Dem Chaos in der französischen Hauptstadt konnte man am 13. November 2015 bereits live auf dem Handy zugucken, als die Terroranschläge noch nicht vorbei waren.

Möglich war das, weil einige Pariser direkt ihr Handy gezückt und mit der App Periscope Livebilder ins Netz gestellt haben. Da saß man dann und schaute Blaulichtern und Hysterie zu, ohne Erklärung oder Einordnung. Trotzdem blieb man dran.

Die Faszination entstand vor allem, weil die sozialen Medien in diesem Moment den Nutzern das Gefühl gaben, nah dran zu sein. Oft ist das Illusion, manchmal stimmt es aber auch. Selbst Geiseln haben während der Angriffe in Paris mit ihren Handys kommuniziert, gefilmt und Bilder gemacht. Videoaufnahmen oder wenigstens Bilder gibt es aus Paris von den allermeisten dramatischen Situationen. Die ständige Präsenz von Handys wird in naher Zukunft dafür sorgen, dass ein Anschlag oder eine Geiselnahme aus Opfer- oder Täterperspektive live oder nur wenig verzögert ins Netz übertragen wird. Und dann? Zuschauen? Wegschauen?

Es ist nicht die einzige medienethische Frage, vor die einen die technische Entwicklung der Medien stellt. Die Nachrichtenseite Mashable beispielsweise twitterte Bilder von Opfern der Anschläge, und zwar geleitet von der Idee, man solle sich an die Opfer erinnern, nicht an die Täter. Gerade weil das so ostentativ gut gemeint ist, ist es womöglich wenig journalistisch. Tausende suchten in Paris auch nach Angehörigen, die möglicherweise verletzt oder getötet worden sein könnten. Auch deren Bilder kursierten weltweit.

Kommunikation bei Twitter und Facebook ist jetzt schon ein Teil dessen, was geschieht

Idioten wiederum fälschten das Bild eines vollkommen unbeteiligten kanadischen Sikh und drückten ihm einen Koran in die Hand. Das Bild landete in einer spanischen Zeitung als "Fotografie eines Täters", einem jungen Palästinenser erging es ähnlich, auch sein Bild landete als das eines Terroristen in zahlreichen Medien rund um die Welt. Die Beispiele zeigen, wie falsch es ist, die Kommunikation in den sozialen Netzwerken für ein Begleitrauschen zu halten. Tatsächlich ist sie Teil dessen, was geschieht. Ein Ereignis und die Kommunikation darüber sind im Netz untrennbar miteinander verbunden, vor allem, weil sie gleichzeitig stattfinden.

Die Grenzen zwischen Berichterstattung und persönlichen Botschaften gibt es formal nicht mehr: Entscheidend ist, welche Intention die Nutzer mit den Inhalten verbinden. Das Bild eines Vermissten wird von Angehörigen gepostet, um ihn zu suchen. Für Millionen ansonsten Unbeteiligter aber sind diese Bilder auch Teil der Berichterstattung über eine Situation. Die Geschichte der Anschläge wird in den Netzwerken fortgeschrieben und beeinflusst. Sie entsteht zum Teil sogar dort: Offenbar waren auch mehrere Terroristen auf Twitter aktiv und hinterließen unmittelbar vor dem Anschlag dort Botschaften. Für sie sind soziale Netzwerke eines der Instrumente, die sie für ihre Tat verwenden.

Die digitale Bündelung des Ereignisses sorgt in jüngster Zeit auch immer wieder dafür, dass die Gemeinschaft eine Art Logo für das Thema hervorbringt. Im Fall der Anschläge auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt war es der Schriftzug "Je suis Charlie", bei den jüngsten Attacken in Paris war es ein Eiffelturm mit Peace-Zeichen, das der Grafikdesigner Jean Jullien entwarf und Stunden nach dem Bekanntwerden des Angriffs auf Instagram teilte. Er erteilte zunächst CNN die Erlaubnis, das Logo zu verwenden. Es verbreitete sich daraufhin schlagartig im Netz; die Katastrophe von Paris wurde zu einer Marke.

Nie zuvor haben die technischen Möglichkeiten dermaßen viele Fragen aufgeworfen. Die Unsicherheiten sind groß. Da gibt es zum einen die erwähnten ethischen Fragen, die eigentlich am dringlichsten sind: Wann schaut man hin, wann schaut man weg? Soll man #PorteOuverte twittern, weil man von der Aktion, bei der Pariser ihre Türen für Opfer und Ängstliche öffnen, begeistert ist? Oder soll man es eben gerade nicht twittern, weil man schließlich nicht in Paris lebt und dementsprechend die eigene Tür nicht öffnen kann.

Die ARD präsentierte sich als Fernsehen, das noch viel Innovation benötigt, bis es mit den Mitteln der digitalen Welt mithalten kann

Auf Twitter und Facebook kennen viele heute schon alle Antworten ganz genau. Dort wandten sich viele dem zu, wozu sich nun mal viele in diesen Netzwerken berufen fühlen: Kritik auf der Metaebene, rein situativ rausgehauen. Sie begann, während in Paris noch Menschen starben, und brach die weiteren Tage nicht ab. Da gab es Hinweise zur Frage, ob man Links zu Live-Übertragungen weiterleiten dürfe oder nicht, Kritik an Journalisten, die auf Twitter nach Hinweisen zur Lage suchten, Besserwisserei zur Frage, welche Bilder wer wann wo zeigen dürfe, oft von Menschen, die "Social-Media-Experte" für einen Beruf halten. Derer gibt es viele, und manch einer schämt sich ebenso wenig wie manche politischen Kommentatoren, die eigenen, kleinen Ansichten über das, was jetzt zu tun oder zu lassen ist, mit einem "sonst haben die Terroristen gewonnen" zu garnieren. Sprachlich kann man offenbar recht schnell aufrüsten.

Die veränderten Bedingungen für Berichterstattung und Kommunikation treffen bei den Terrorangriffen ausgerechnet auf eine den meisten Europäern unbekannte, verwirrende und manches Mal angsteinflößende Situation. Das bedeutet, dass auch die Inhalte, an denen die neue Technik erprobt wird, unbekannt sind und wegen ihrer Grausamkeit und Größe gleichzeitig die größtmögliche Verantwortung von den Nutzern fordern. In klassischen Redaktionen werden entsprechende Bilder, Streams und Videos oft ausführlich diskutiert: Kann man das machen? Das wird künftig schwieriger, nicht zuletzt, weil sowieso alle Bilder im Netz verfügbar sind. In den sozialen Netzwerken werden Tatsachen geschaffen.

Das bedeutet aber nicht, dass die klassischen Medien ihren Job deshalb besser erledigen würden. Sie beantworten die Fragen der digitalen Zeit oft zu langsam und ignorieren ihre Möglichkeiten. Die ARD sendete zu Beginn der Pariser Anschläge über Stunden aus dem Fußballstadion Stade de France, wo die deutsche Nationalmannschaft zu Gast war. Der Sender ließ seine Sportreporter irgendwo zwischen Spielfeld und Terroranschlag hängen. Die schlugen sich einigermaßen tapfer, aber die Nachrichten in Deutschlands wichtigstem Sender, der mit Milliarden pro Jahr unfreiwillig von den Bürgern finanziert wird, hinkte den sozialen Netzwerken und der privaten Konkurrenz in Form von N24 über Stunden hinterher. Die ARD präsentierte sich als Fernsehen, das noch viel Innovation benötigt, bis es mit den Mitteln der digitalen Welt und deren Geschwindigkeit mithalten kann.

"Rettungswagen mit Sprengstoff" war nicht die einzige, aber sicher die penetranteste Falschmeldung

Kurz nach den Angriffen von Paris wurde in Hannover das Länderspiel Deutschland - Niederlande abgesagt. Ausgerechnet eine Zeitung, wenn auch eine sehr kleine, beharrte während der angespannten Minuten auf der folgenden Meldung: "Exklusive Info: Rettungswagen mit Sprengstoff vorm Stadion in Hannover entdeckt". Diese Erkenntnis hatten die Journalisten insofern exklusiv, als sie sich bis heute nicht bewahrheitet hat.

Es war in diesen Tagen beileibe nicht die einzige Falschmeldung, aber mit Sicherheit die penetranteste. Die Zeitung twitterte die Nachricht, sie wurde weit mehr als 1000 Mal geteilt. So verspielte sie die Stärke der klassischen Medien, die in Situationen wie diesen darin besteht, Ordnung im Chaos zu schaffen, zu verifizieren, zu gewichten, zu berichtigen. Denn in der Timeline ist für viele erst einmal alles gleich wahr und gleich wichtig - sogar wenn es falsch oder unwichtig ist. Genau die Fähigkeit zur Einordnung und Gewichtung ist deshalb zum wichtigsten Geschäft der traditionellen Medien geworden. Ungefilterten Lärm gibt es überall genug.