"Sons of Anarchy" bei Kabel 1 Wenn Hamlet zum Rocker wird

Undurchsichtige Strukturen, widersprüchliche Charaktere, dazu Sex, Drogen und Rock 'n' Roll: Die Rocker-Serie "Sons of Anarchy" läuft von heute an im deutschen Free-TV. Endlich. Dabei ist es gar nicht einfach, die Protagonisten liebzugewinnen.

Von Michael Moorstedt

In der Stadt Charming hat die kriminelle Motorrad-Gang "Sons of Anarchy" mehr zu sagen als die eigentlichen Gesetzeshüter. in den USA läuft schon die fünfte Staffel der Erfolgs-Serie.

(Foto: 2008 FX Networks, LLC)

Mit fettigen Haaren und Dreitagebart, mit markantem Kinn und Sensenmann auf der schwarzen Lederkutte tritt er in den Supermarkt, Jax heißt er, und der Kassiererin verrutscht gleich ihr Ausschnitt bei so viel Testosteron. Seine Einkaufliste: Kippen und Kondome, doch weiter kommt dieser kleine Flirt nicht, im Hintergrund sieht man schon das illegale Waffenlager des Kunden explodieren: Die Rocker-Serie Sons of Anarchy legt schon in den ersten Minuten den gewalttätigen Fahrplan für den Rest der Staffel fest.

Im Mittelpunkt steht ein sogenanntes Chapter, also quasi ein Ortsverein der Rockergruppierung Sons of Anarchy, das in einer nordkalifornischen Provinzstadt die Exekutive stellt. Die Sheriffs haben hier schon lange nicht mehr das Sagen. Wo es langgeht, bestimmen die Rocker, die haben für ihre Mitbürger immerhin ein offenes Ohr und manchmal auch ein Bündel Dollarscheine aus schattigen Kanälen. Es ist eine schlechte Welt, in der skrupellose Geschäfte die Rockerromantik abgelöst haben, und deren Bewohner sich in blutigen Machtkämpfen verlieren.

Kurt Sutter, der Erfinder und Produzent der Serie, hat einmal gesagt, beim Schreiben der Drehbücher sei er von Shakespeares Hamlet inspiriert worden. Eine solche Referenz gefällt natürlich den Kritikern, und seitdem wird der Gründungsmythos geflissentlich reproduziert. Mit viel Liebe lässt sich also in dem jungen Jax (Charlie Hunnam), dem Vizepräsidenten der Sons of Anarchy, Hamlet erkennen, in seiner Mutter, der verwelkten Rockerbraut Gemma (grandios: Katey Sagal, bekannt als Peggy Bundy in Eine schrecklich nette Familie) Königin Gertrude und in deren Lover (Ron Perlman) König Claudius.

Den Erfolg, den Sons of Anarchy seit 2008 in den USA verbucht, erklärt das natürlich nicht. Dabei ist es erstaunlich, dass der Entertainment-Betrieb so lange gebraucht hat, um eine Serie im Biker-Milieu spielen zu lassen. Immerhin bietet die Umgebung alle Qualitäten, die sich der Serien-Fan von einer zeitgemäßen Hintergrundgeschichte wünscht: undurchsichtige Strukturen, Gesellschaftskritik und widersprüchliche Charaktere, dazu Sex, Drogen, Rock 'n' Roll. Warum sollte dieses Setting nicht auch in Deutschland ankommen? Gerade in Zeiten, in denen der Boulevard in Berlin einen "Rockerkrieg" ausruft?

Sympathie für das Böse

Anfang des Jahres ließ der deutsche Rechteinhaber Pro Sieben Sat 1 die Serie auf der konzerneigenen Videoplattform MyVideo anlaufen und verkaufte das als smarten crossmedialen Schachzug. Wenn man aber bedenkt, dass in den USA bereits die fünfte Staffel läuft - mit permanent steigenden Quoten - ist das trotz allem eine eher zurückhaltende Programmierung. Nun startet man den Versuch, die Serie doch noch in das deutsche Mainstream-Fernsehen zu heben. Auf Kabel 1, am späten Dienstagabend - ein prominenter Startplatz ist das nicht.

Sons of Anarchy macht es dem Zuschauer aber auch nicht leicht, die Charaktere zu verstehen. Anders als etwa beim drogendealenden Highschool-Lehrer und Krebspatienten Walter White in Breaking Bad gibt es hier keine Rechtfertigung für das illegale Treiben. Gerade wenn man mal wieder einen zwischenmenschlichen Zugang gefunden zu haben glaubt (verflossene Geliebte, vernachlässigte Kinder), offenbaren die Rocker ihre hässlichen Seiten, misshandeln Frauen, verscherbeln Waffen, gehen sich an die Gurgel. Doch vielleicht ist das genau das Geheimnis von Sons of Anarchy: Die Figuren sind böse. Und man kommt doch nicht umhin, sie ein bisschen zu mögen.

Sons of Anarchy, Kabel 1, Dienstag 22:30 Uhr.