"Alles ist inszeniert": Der Skandal-Fotograf Oliviero Toscani über Verteidigungsminister Guttenberg im Kriegsgebiet, die Macht der Bilder - und was die Arbeit eines guten Fotografen ausmacht.
Der Fotograf Oliviero Toscani wurde als Provokateur bekannt, als er in den achtziger und neunziger Jahren für Benetton mit ölverschmierten Pelikanen warb, mit ausgemergelten Aids-Kranken und den Kleidern eines gefallenen Soldaten. Später provozierte er mit Werbekampagnen, die Homosexualität und Magersucht thematisierten. Derzeit arbeitet er am Aufbau eines Forschungsinstituts für Kommunikation in der Toskana.
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sueddeutsche.de: Signore Toscani, zeigen Fotos die Welt wie sie ist?
Oliviero Toscani: Für die Fotografie gibt es keinen Unterschied zwischen Bild und Wirklichkeit. Haben Sie ein Bild in Ihrem Pass? Ist das inszeniert oder real? Sie gehen in einen Passbildautomaten - und bekommen Ihr Bild. Das ist keine Inszenierung, das ist real. Ansonsten ist alles inszeniert, durch die Politik, die Geschichte, die Technologie, die Medien.
sueddeutsche.de: Die Bilder vom Afghanistan-Besuch des deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg wirken ungewöhnlich inszeniert.
Toscani: Wenn es Ihrem Verteidigungsminister gefällt, Bilder zu inszenieren, müssen Sie über Ihren Minister nachdenken und urteilen, nicht über das Bild. Wenn er zu der Art Politiker gehört, die inszenierte Bilder lieben, heißt das vielleicht, dass er nicht so gern die Wahrheit sagt. Er schätzt die Inszenierung, seine Politik wird zum Theater. Wenn sich Ihr Verteidigungsminister nicht sicher ist, was er ist, dann gefällt ihm, es zu inszenieren, was er nicht ist.
sueddeutsche.de: Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie er sich darstellt?
Toscani: Alle Politiker möchten so aussehen. Ich finde das nicht ungewöhnlich. Die Inszenierung gibt mir die Möglichkeit, ihn zu beurteilen. Die Fotografie hat die lächerliche Seite des Verteidigungsministers preisgegeben. Ich glaube nicht, dass er besonders schlau ist, wenn er sich so darstellt. Man kann in die Kamera lächeln oder eine Grimasse schneiden - beide Inszenierungen sind real. Aber jeder muss selbst wissen, wie er aussehen will.
sueddeutsche.de: Welche Rolle spielen Fotografen bei der Inszenierung?
Toscani: Wir bestimmen das historische Gedächtnis der Menschen. So wie wir Menschen, Orte und Handlungen fotografieren, so wird man sich an sie erinnern. Ich weiß nicht, warum Fotografen so tun sollten, als gäbe es eine Realität.
sueddeutsche.de: Sind sich Fotografen dieses Einflusses bewusst?
Toscani: Sie sollten sich häufiger darüber Gedanken machen. Alles ist Inszenierung, weil die Realität inszeniert ist. Inszenierung ist die Arbeit eines guten Fotografen. Weil man eine Meinung darstellen will, einen Standpunkt vertreten, ein politisches Statement abgeben. Es gibt kein objektives Foto. Je besser es inszeniert ist, desto genauer weiß der Fotograf, was er zeigen will. Glauben Sie, dass es vom Marienplatz zwei exakt gleiche Bilder gibt? Wenn es nur eine Realität gibt, welche ist dann real?
sueddeutsche.de: Welches Bild gibt dann die Wirklichkeit am besten wieder?
Toscani: Das beste Bild ist wahrscheinlich Ihr Passbild. Darauf mögen Sie sich nicht, Sie erkennen alle Ihre Fehler. Sie wollen anders aussehen, denn Sie lieben sich nicht so wie Sie sind.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum ein Ei schwieriger abzubilden ist als der Krieg.
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Offensichtlich löst das Auftreten zu Guttenbergs bei der SZ und auch bei einigen Bürgern heftige allergische Reaktionen aus. Kaum war er Minister, war diese Reaktion schon zu beobachten. Alles muss bei ihm inszeniert sein: Jeder Schritt, jedes Lächeln, jedes Wort. Schon vor einem Jahr konnte man hier eine Bildergalerie bewundern, betitelt: "Der inszenierte Minister". War die damalige Kampagne nicht erfolgreich genug?
Auf ein Neues, verehrte SZ und alles Gute. Ich weiß, dass Allergien schwer heilbar sind. Vielleicht hilft ein Blick aus dem Fenster auf die wunderschöne Alpenkette. Da relativiert sich Einiges.
"Die Bilder zeigen die lächerliche Seite Guttenbergs"
Sowohl in den Medien wie auch im politischen Geschehen konnte ich an Herrn Guttenberg noch keine andere Seite entdecken.
Klartext redet Herr G immer mit dem Hintergedanken einen tosenden Szenenapplaus zu erhaschen.
Er ist eben ein Großmeister der Inszenierung.
...hat er Recht der gute Herr Toscani. G. in seinen peinlichsten Momenten, gibts dann bestimmt auch bald als Bunte-Bildband...
Zitat: "Er schätzt die Inszenierung, seine Politik wird zum Theater". Ich teile diesen Eindruck über Herrn zG und einige seiner Kabinettskollegen. Die politische Substanz hat in den letzten Jahren an Bedeutung verloren, in einer Welt der "Promis" ist die Pose wichtig, das hat Herr zG begriffen.
Seine Chefin steht ihm da nicht nach, in der Foto-Berichterstattung über Konferenzen und Staatsbesuche nervt sie mit den immer gleichen Posen wie aus dem VHS-Körpersprache-Seminar: Finger nach oben, gen Himmel, mit den Händen gestikulierend, die Richtung weisend.
Meine Hoffnung ist, dass die Menschen das erkennen.
Die Freundschaft, die Herr zG lt. Boulevard mit dem Schauspieler Tom Cruise pflegt, kommt auch nicht von ungefähr, vermutlich haben die beiden viele Gemeinsamkeiten.
...dem geneigte Internetuser, der sich auf mehr als einer Zeitungsseite mit Informationen versorgt fällt schon auf, dass die SZ gerne mal versucht, bei zu Guttenberg ein paar Kratzer zu hinterlassen...Aber das ist ja alles ok, jeder, wie er es für richtig hält.
Man kann von den Bildern halten, was man will. Es ändert nichts an der Tatsache, dass der Minister einen guten Job macht und die seit Jahrzehnten überfällige BW-Reform in Gang bringt. Sollte es ihm gelingen, würden seinen Kritikern (nix geleistet...) der Wind aus den Segeln genommen.
Und zu dem Kommentar am Anfang: Interventionsarmee? Nur, weil 10000 statt 7000 Soldaten für Auslandseinsätze zur Verfügung stehen sollen? Scheint mir eher übertrieben, aber der unter den Kommentar gesetzte Link spricht ja schon für sich...
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