Sigmund Gottlieb Abschied vom fränkischen Weltenrichter

Gottlieb ergriff gern das Wort, denn: "Wo man will, da kann man."

(Foto: Florian Peljak)

Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, setzt sich zur Ruhe. Für die einen war er ein schnörkelloser Meinungsmacher. Für die anderen ein Knecht der CSU.

Von Hermann Unterstöger

Um die Größe eines Elefanten augenfällig zu machen, empfiehlt es sich, eine Maus neben ihm abzubilden. Bei Sigmund Gottliebs sprechendem Nachnamen bietet sich als Vergleichsgröße jener Kleinwüchsige an, der durch den zweiten Band von Thomas Manns Joseph und seine Brüder irrlichtert. Er hat eine dünne, scharfe Stimme, ist zerknittert gekleidet und trägt auf dem Kopf einen mit Wohlgeruch getränkten Filzzylinder. Man behängt ihn mit allerlei Titeln, doch weil sein wirklicher Name Se'ench-Wen-nofre-Neteruhotpe-em-per-Amun (Es erhalte das gütige Wesen den Götterliebling im Hause des Amun am Leben) lautet, nennt man ihn allgemein nur Gottliebchen.

Ende März geht Gottlieb, der Chefredakteur und Leiter des Programmbereichs Politik im Bayerischen Fernsehen, in den Ruhestand, und das Mindeste, worauf seine vielen Freunde sich mit seinen ebenfalls nicht wenigen Gegnern jetzt schon verständigen können, ist die Floskel: Wir werden ihn vermissen, die in ihrer poetischeren Version so lautet: Wir werden seinesgleichen so schnell nicht mehr sehen. Das hat zunächst einen sehr direkten Sinn, weil das Fernsehen an Gestalten, die rein äußerlich so viel hermachen wie Gottlieb, keinen Überfluss hat.

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Darauf kommt es, wie die Puristen einwenden, zwar nicht an, doch ist es bei einem Augenmedium auch nicht völlig gleichgültig, wie sich einer zu präsentieren weiß. Gottlieb ist in Gestalt und Gestik alles andere als ein zerknitterter Winzling, sondern vielmehr das, was man stattlich nennt, und von stattlicher Art ist auch seine fränkisch grundierte, auf Präzision bedachte Sprache.

Im Ranking der Fernsehkommentatoren stets an der Spitze

Um noch kurz bei den Äußerlichkeiten zu bleiben, so war seine Mähne nie so üppig wie die Markwort'sche, aber dass Gottlieb zusammen mit Helmut Markwort im Fernsehen das Löwenhafte als solches repräsentierte, darf man wohl sagen. Wenn es sich auch verbietet, in dem Zusammenhang auf Se'ench-Wen-nofre-Neteruhotpe-em-per-Amuns wohlriechenden Filzzylinder zu rekurrieren, so drängt sich doch die Vermutung auf, als habe sich unter diesen beiden Mähnen der Wohllaut der öffentlichen Rede besonders gut ausbilden können, freilich mit charakteristischen Unterschieden. Was Gottlieb zum heiter Rhapsodischen, das Markworts Domäne war und ist, immer gefehlt hat, das machte er durch Markigkeit und seinen gerühmten "appellativen Stil" wett.

Appellative Texte sind auf Überzeugung und Beeinflussung aus, und dass Gottlieb speziell in diesem Genre wahrgenommen wurde, liegt daran, dass er im Ranking der Fernsehkommentatoren stets an der Spitze lag, ein nimmermüder Vorarbeiter und Deuter des politischen Alltags. Die Bild ernannte ihn zum "Mr. Meinung", in der übrigen Presse behängte man ihn, weil er gern aufs Wochenende zu das Wort ergriff, mit dem Titel "Freitags-Gottlieb". Die Floskel "das Wort ergreifen" passt, nebenbei bemerkt, auf keinen besser als auf ihn. Gottlieb war ja nie einer, dem man einen Kommentar abringen musste. Er hatte immer Vergnügen daran, konturierte Meinungen von sich zu geben. In schöner Ergänzung dazu hielt er nichts davon, aus seinem mitteilungsfrohen Herzen eine Mördergrube zu machen. "Wo man will", sagte er, "da kann man" - und er wollte.

Das Ohr isst im Fernsehen schließlich mit, weiß der fränkische Weltenrichter

Was seine Wirkung angeht, so unterscheidet sich die private sehr von der öffentlichen. Ein Kollege, der ihn gut kennt und mit ihm manche Gesprächsrunde bestritten hat, weist die Vermutung, Gottlieb sei im persönlichen Umgang selbstgefällig und besserwisserisch, von sich: Er sei, im Gegenteil, überaus herzlich, fast kameradschaftlich und gar nicht so vorlaut, wie er auf dem Bildschirm wirke. Auf "irgendwie täppische Weise" sei er ehrlich, dabei allerdings auch mit der Gabe gesegnet, sich den jeweiligen Milieus geschmeidig anzupassen: liberal unter Liberalen, konservativ unter Konservativen.

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Das allgemeine Urteil über Gottlieb hört sich anders an. Lässt man die Wut und den Unflat in den darauf spezialisierten Medien beiseite, kommt man auf eine (um ein Lieblingswort Gottliebs zu verwenden) Einschätzung, die aus zwei Schichten besteht. In der oberen Schicht findet man den oft wohlfeilen Spott über die Allgegenwart dieses Mannes, die ja insofern nicht ganz unerträglich ist, als man bei seinen schnörkellosen, alle Umschweife meidenden und oft auch ohne Not pathetischen Auslassungen zumindest weiß, woran man ist. Das Ohr isst im Fernsehen schließlich mit und zieht dem unentschlossenen, aus dem Setzkasten "Der kleine Kommentator" zusammengestopselten Geseire mancher seiner Kolleginnen und Kollegen die plakative Suada des fränkischen Weltenrichters vor.

In der tieferen Schicht sammelt sich an, was den Leuten - und der Kollegenschaft besonders - an Gottlieb aus ideologisch-politischen Gründen missfällt. Da wird aus dem vordergründigen Vorwurf der Omnipräsenz schnell der hintergründige Verdacht, er nütze beziehungsweise missbrauche diese als Knecht und Kärrner der CSU. Wer immer so eine Nähe bei Gottlieb vermutet, vielleicht sogar durch dessen einschlägige Anschmiegsamkeit bestätigt gesehen hat, sollte um der Gerechtigkeit willen allerdings nie vergessen, dass auch andere Parteien ihre Nasen und Finger in den Fernsehanstalten haben, und das nicht nur aus Gründen des Gemeinwohls. Ihre Helfer werden weit weniger gezaust.

Da und dort hat Gottlieb wissen lassen, dass er als Kind Fernfahrer werden wollte, "weil es", wie er der Welt am Sonntag verriet, "für einen kleinen Jungen das Größte ist, mit einem großen Laster durch Europa zu schrubben". Angenommen, Gottlieb wäre wirklich Fernfahrer geworden: Er hätte es beim Schrubben nicht bewenden lassen, sondern auch dabei die Welt und ihre Umstände begutachtet, möglicherweise sogar aus seiner Fahrerkabine immer mal wieder einen appellativ getönten Brennpunkt gesendet. Ja, es kann leicht sein, dass wir ihn vermissen werden.

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