Serie: Wozu noch Journalismus? Wie Schiffeversenken, nur ernster

Journalismus ist die zivilisierteste Form von Widerstand. Doch Suchmaschinen haben ihn verändert: Nachrichten müssen vor allem auffindbar sein.

Von Peter Glaser

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander.

Wenn ich es auf einen Satz reduzieren müsste, würde ich sagen: Die Zukunft des Journalismus besteht darin, herauszufinden, was die vernetzte Maschine nicht kann (und es zu nutzen). Einige Strukturteile des Internet machen der herkömmlichen Art und Weise, Journalismus zu betreiben, erheblich zu schaffen - der Welt größter Werbevermarkter Google zum Beispiel, der statt Seifenopern erfolgreich das Suchen als attraktiven Menschenmagnetismus anbietet; oder nicht ganz 200 Millionen Blogs, digitale Journale, deren Betreiber sich als zumindest Amateurjournalisten sehen; nicht selten sind sie besser.

Googles Geschäftsgeheimnis

Nicht zuletzt werden die herkömmlich von Menschen herangeschafften Nachrichten und Informationen zunehmend auf ein neues Ziel ausgerichtet: Sie sollen nicht mehr in erster Linie für Menschen verständlich und lesbar sein, sondern zuallererst findbar - für die Suchmaschinen. Dadurch beginnen die Texte sich zu verändern.

Es ist ein Spiel wie Schiffeversenken, nur größer und ernster: Da es Geschäftsgeheimnis von Google ist, nach welchen (so viel weiß man: der etwa 200) Kriterien ein Artikel in den Ergebnislisten nach vorn sortiert wird oder unter ferner liefen verschimmelt, wird herumprobiert was das Zeug hält, ob es nicht vielleicht besser ist, Worte, die in der Überschrift vorkommen, noch ein paarmal in den Text zu streuen, und so weiter. Wie sorgsam gearbeitete Geschenke einem Herrscher wird die journalistische Arbeit der Maschine dargereicht. Denn Google, Inbegriff des digitalen Wandels, scheint immer wichtiger zu werden für das Überleben des Journalismus in einer Zeit, in der jedermann über eine Nachrichtenversorgung verfügt, wie sie noch vor ein paar Jahren nur große Redaktionen mit kostspieligen Agenturtickern hatten; zugleich wird Google gefürchtet und gehasst.

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