All das erträgt man immer schlechter, zumindest ich, und da kommt die Frage: "Wozu noch Journalismus?" gerade recht. Er könnte viel stärker dazu beitragen, dass die Großthemen, die Vorwärtsthemen nicht mehr nebeneinander herlaufen, unverbunden. Journalisten könnten dafür sorgen, dass Wissen und Kritik zusammenkommen, ausgetauscht werden. Wir wären so etwas wie Verknüpfer zwischen den Disziplinen.

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Simples Beispiel Klimawandel: Naturwissenschaftler gaben Zahlen und Warnungen. Ingenieure stellten neue Technologien vor. Sozialpsychologen erklärten, warum der Mensch so viele Blockaden vor radikalen Veränderungen hat. Experten produzierten eine Informationsflut. Kameraleute zeigten Gletscherschmelze und ertrinkende Eisbären. Unternehmer rechneten an Emissionsrechten herum. Ethiker sprachen von fairem Handel oder Konsumkritik. Und Skeptiker leugneten das Problem. Alles hing mit allem zusammen, das schon, aber die Erkenntnisse und Handlungsansätze dümpelten unfruchtbar vor sich hin. So mündeten Menschheitsprobleme leider vorwiegend in Mega-Wortproduktionen.

Sie macht mich kirre, die Zersplitterung der Diskurse. Ein kritischer Journalismus, das wäre meine Hoffnung, würde die verzettelten Argumente der Zivilgesellschaft bündeln und zu einem klaren Kammerton machen: dass wir in die Gänge kommen wollen, dass wir Fortschritt nach wie vor für möglich halten. Dass wir die richtigen Fragen finden, wenn es schon so schwer ist mit den Antworten. Wir sind keine Fruchtfliegen. Journalismus besorgt und systematisiert den Stoff, aus dem die Geschichtsschreibung sein wird.

Ein weißer Schimmel

Kritischer Journalismus - im Grunde ein weißer Schimmel, aber ich habe leider zu oft erlebt, wie schnell er unter Druck gerät oder in Nischen verschwindet. Ich finde kritischen Journalismus aufregend und zukunftsfest. Er kann nicht "light" daherkommen. Und: "Relevant" reimt sich ganz gut auf "interessant". Und wenn Mäkler und Zyniker den "erhobenen Zeigefinger" wittern, verweigere ich ihnen inzwischen die Ehre hinzuhören und stelle fest: Belehrung ist von gestern, aber Haltung ist cool, Journalisten sollten mehr Ehrgeiz haben als eine Suchmaschine.

Die Welt ist nicht in Ordnung, der gesellschaftliche Kitt zerbröselt rasant. Viel zu viele Mitmenschen sind von Glück, von Selbstbestimmung ausgeschlossen, das mag ich nicht hinnehmen. Wir schreiben das Jahr 2010: Sich nicht mehr mit Beliebigkeit zufriedenzugeben, das weist nach vorn, und um unser Selbstverständnis zu ringen, ist womöglich attraktiver für die Jungen als ironische Sprüche. Denn ein Journalist ohne Credo bleibt, in meiner Sicht, nur Baustein einer industriellen Fertigungsstraße. Ganz unsentimental setze ich auf Haltung 2.0, auf Überzeugung reloaded.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Haltung zum Alleinstellungsmerkmal wird.

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