Im Netz ist ein Artikel nicht endgültig vollendet, sondern hat sich vom unveränderlichen Produkt zur Momentaufnahme eines laufenden Prozesses verwandelt. Eigentlich sollte daraus folgen, dass Onlinebeiträge eine Nachsorge erfahren, Verbesserungen, Ergänzungen, neue Entwicklungen, Kommentare - all das könnte in technisch geeigneter Weise den Textjournalismus im Netz verbessern.
Anzeige
Auch die journalistische Vorarbeit und Recherche geschieht meistens abseits der Öffentlichkeit - einfache und plakative Mechanismen, mit denen das Publikum aktiviert werden könnte, finden sich kaum. Dabei gibt es viele Beweise, dass publizistischer Mehrwert durch die Einbindung der Leserschaft entstehen kann. Das bildblog etwa, das die Fehler und Lügen der Bild-Zeitung und anderer Medien aufdeckt, bekommt einen Großteil der Anlässe für ihre Artikel per Mail zugespielt. Das Blog Netzpolitik.org erfüllt eine wichtige netzpublizistische Aufgabe dadurch, dass es sich zur Anlaufstelle für anonyme Informanten im Bereich Datensicherheit entwickelt hat.
Einbindung wertvoller Plattformen
Solche Formen des investigativen Journalismus sind notwendig und bedingen eine Ansprechbarkeit durch das Publikum - auf den meisten Medienangeboten im Netz findet sich heute nicht einmal die Mailadresse der Redakteure. Auch die Einbindung von so wertvollen Plattformen wie wikileaks.org - einer Seite, auf der anonym Informationen veröffentlicht werden können, die eigentlich geheim bleiben sollten - ist noch zu wenig verbreitet. Lobend erwähnen kann man an dieser Stelle:
Die Zeit, die sowohl mit wikileaks.org wie auch mit den Experten von informationisbeautiful.net bereits zusammengearbeitet hat. Das Lob für die zarten Pflänzchen eines zeitgemäßen Journalismus soll hier nicht aufhören: Die Neon hat zwar einen hoffnungslos veralteten Netzauftritt, aber gute Konzepte des inhaltlichen Zusammenspiels von Webseite und Zeitschrift. Die Welt kompakt unternimmt erkennbar viele unterschiedliche und teilweise sehr gute Versuche, mit dem Netz und im Netz zu arbeiten - leider kommt dabei nur eine Papierzeitung heraus, aber das wird sich sicher irgendwann ändern.
Positive Ausnahmefälle in der hiesigen Medienlandschaft
Spiegel Online hat mit dem Twitteraccount @Spiegel_LIVE mehrfach hervorragende Ansätze für eine Twitterberichterstattung unternommen und verlinkt sogar Quellen - allerdings bisher nur im Ressort Netzwelt. Und der Chefredakteur der Rhein-Zeitung, Christian Lindner, nutzt Twitter vorbildlich zur Themenfindung, zur direkten Abfrage der Publikumsmeinung und zur Interaktion mit den Lesern, ähnlich wie das Team der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung um Marcus Schwarze.
Es gibt also durchaus Beispiele im deutschsprachigen Raum für positive Einflüsse von Social Media auf den Entstehungsprozess und die Vermittlung des Journalismus. Leider handelt es sich noch um Ausnahmefälle in der hiesigen Medienlandschaft. Damit sich das ändert, hilft es nicht, wenn in den Verlagen - die über lange Zeit Garanten für einen funktionierenden Journalismus waren - abwechselnd über Google, die Öffentlich-Rechtlichen und die Medienkrise gejammert wird.
Erst recht nicht, wenn die dafür aufgewendete Zeit, das Geld und die Energie viel besser eingesetzt werden könnten, um Journalisten neue Methoden, Technologien und Denkansätze näher zu bringen. Eine neue Haltung gerade gegenüber Social Media ist erforderlich, die jüngst der neue BBC-Nachrichtenchef Peter Horrocks für seine Mitarbeiter so formulierte: "Das ist nicht irgendeine Marotte von einem Technikbegeisterten. Ich fürchte, man kann seinen Job nicht erfüllen, wenn man mit diesen Dingen nicht umgehen kann."
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum man neue Gebiete des Journalismus erschließen muss.
Sie sind jetzt auf Seite 4 von 5 nächste Seite
- Thema
- Wozu noch Journalismus RSS
- Serie: Wozu noch Journalismus? Es geht erstaunlich gut 17.05.2010
- Wozu noch Journalismus? Tiefgreifender Transformationsprozess 14.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (18) Trend zur Brotbackmaschine 08.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (17) Schreckgeweitete Augen 03.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (16) Mut und Harakiri 24.04.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (14) Die Zukunft des Journalismus? Journalismus! 10.04.2010