Serie: Wozu noch Journalismus? (10) Kein Anlass zur Kapitulation

Journalismus bleibt unersetzlich - gerade in Zeiten der Leserreporter. Doch im Online-Journalismus brauchen etliche Medien-Websites einen inhaltlichen Neustart.

Von Hans-Ulrich Jörges

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander.

"Wozu noch Journalismus?" - die Fragestellung könnte auf Resignation oder gar Kapitulation schließen lassen. Wovor eigentlich? Vor Lesern, Hörern und Zuschauern, die sich abwenden, Augen und Ohren verschließen vor traditionellen Medien und in neue fliehen? Vor jungen Leuten, die statt Blei an den Fingern lieber Ringe unter den Augen haben, vom stundenlangen Surfen auf dem digitalen Meer?

Vor der Werbewirtschaft, die Anzeigen abzieht und anders - auch anderswo - nach Aufmerksamkeit fischt? Vor Verlegern, die beim Grenzgang zwischen Modernisieren und Zerstören die Balance, Maß und Ziel verlieren? Vor Heuschrecken, die sich renditehungrig in Medien verflogen haben, dort alles kahl fressen - und dann verhungern? Vor dem Internet schließlich, das alles an Information zu bieten scheint, was der Mensch zum Denken braucht - und das kostenlos, rund um die Uhr und teils in Echtzeit, live? Ist Journalismus also ein verlorener, ein aussterbender Beruf - hoffnungslos überholt wie der Kohlenschaufler auf der Elektrolok?

Kein Anlass zur Resignation

Ja, natürlich ist unsere Gewerbe unter Druck. So stark wie noch nie zuvor. Zu Resignation oder Kapitulation aber gibt es keinen Anlass. Denn Journalismus ist und bleibt unersetzlich - auch wenn sich sein Kosmos in Organisation und Technik revolutionär verändert, auch verändern muss. Informationen zu erschließen, zu filtern, zu erklären, zu ordnen und zu interpretieren - das geht nicht ohne Redakteure, ohne Rechercheure, ohne Reporter, ohne News Anchor, ohne Kommentatoren.

Der Leserreporter im Internet mag die Lehman Brothers bei der Flucht vor der Öffentlichkeit fotografieren und ihren Opfern auf der Straße Luftblasen der Empörung entlocken - was sich in den Stunden des Zusammenbruchs in Vorstandssuiten und Ministerbüros abgespielt hat, das können nur Journalisten aufdecken und einordnen. Der Demonstrant in Teheran mag mit der Handy-Kamera jener jungen Frau zur Unsterblichkeit verhelfen, die von Milizionären des Regimes erschossen wurde - die politische Wirkung ihres Todes, das Kräftespiel in Iran und die Interessen der Mächte außerhalb aber offenbart nur der kenntnisreiche Journalist.

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