Serie: Wozu noch Journalismus? (12) Gute Chancen im Lokaljournalismus

Wenn immer weniger Menschen eine Zeitung kaufen, weil die ihnen nur die Nachrichten vom Vortag anbietet, ist es überfällig zu überlegen, wie sich Zeitungen sowohl online als auch offline abseits der "Vortagsaktualität" mit nachhaltigen, kreativen, mutigen und letztlich bürgernahen Qualitäten als Forum unentbehrlich machen können. Und dafür sollten sich Journalisten - vor allem Lokalzeitungsredakteure - auf Faktentreue, Fachwissen und Vermittlungskompetenz besinnen, statt über Existenzsorgen zu klagen.

Es ist nicht zu erwarten, dass sich Zeitungen zum reinen Statussymbol für Reiche und Gebildete wandeln, wie dies mitunter von Experten behauptet wird. Sie werden aber auch nicht das Massenmedium bleiben, das sie einst waren - jedenfalls nicht in gedruckter Form. Zeitungen werden in jedem Fall zum Luxusprodukt - aber in dem Sinne, dass sie für diejenigen attraktiv bleiben, die sich der Kostbarkeit ihrer Zeit bewusst sind, die das ästhetisch-haptische Vergnügen lieben und die bereit sind, für glaubwürdige und hochwertige Informationen zu bezahlen. Auch wenn es momentan kein Patentrezept gibt: Zeitungen haben eine gute Chance zu bestehen, speziell der Lokaljournalismus .

Leser stärker einbeziehen

Um diese Chance aber ergreifen zu können, müssen Lokal- und Regionalzeitungen ihre Leserinnen und Leser stärker einbeziehen. Der Dialog ist das A und O um herauszufinden, was das Publikum eigentlich möchte. Für den Leser ist es wichtig, dass er ernst genommen wird und in seiner Lokalzeitung einen Anwalt und Verbündeten weiß.

Der Erfolg einiger Neugründungen vor allem in den USA spricht dafür, dass sich Lokalzeitungen mehr Nischen suchen müssen, die unsere Lebenswirklichkeit unmittelbar abbilden. Lokaljournalismus muss sich stärker auf eine Berichterstattung konzentrieren, die früher "kommunal" und heute neudeutsch "hyperlokal" heißt, also Berichte über die Kriminalitätsrate in meiner direkten Nachbarschaft, Debatten um die katastrophale Müllentsorgung in meinem Viertel oder Kommentare zur Kita-Situation bei mir um die Ecke. Egal, welcher Fokus gewählt wird, es geht vor allem um den Nutzwert auf Stadtteil-Ebene.

Nicht die Demokratie beschädigen!

Die vorrangige Frage, die Zeitungsverleger heute beschäftigen sollte, lautet gar nicht "Wozu noch Zeitungen?", sondern tatsächlich - viel grundlegender - "Wozu noch Journalismus?". Wenn nun aber weiter an Inhalten und Personal gespart wird, wie es sich derzeit abzeichnet, berauben sich Zeitungen selbst ihrer wichtigsten Grundlage, wegen derer sie - noch - gekauft werden. Mit anderen Worten: Ohne professionellen, auch teuren Journalismus, also ohne Leitartikel und Lokalspitzen, Reportagen und Analysen, löst sich die Presse in Nichts auf - und das schadet längst nicht nur den Kassen der Verlage, sondern würde mit Sicherheit auch die Demokratie beschädigen.

Eine Demokratie ohne lokale Tageszeitungen wäre um einiges ärmer. Sie wäre vielleicht eine Demokratie, in der das lokale Geschehen nur noch von Bloggern und Bürgerjournalisten beobachtet und bewertet wird. Sie wäre vielleicht eine, in der sich Qualitätsmedien nur noch auf das große Ganze konzentrieren und den Blick für das große Kleine aus den Augen verlieren. Und sie wäre vielleicht eine Demokratie, in der sich Journalisten nicht mehr als Wachhunde der Demokratie, sondern als brave Schoßhunde begreifen, die den Mächtigen nicht mehr ans Bein pinkeln wollen.

Thomas Krüger, 50, ist Präsident der Bundeszentrale für politischen Bildung.

Im Herbst 2010 erscheint das Buch "Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert" im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.