Die Internetbeschimpfung gilt in der Medienbranche als trotzige Mutprobe. Doch wir müssen uns vom Festungsjournalismus verabschieden.
Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander. In dieser Folge schreibt der Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, über die Zukunft des Journalismus und über mögliche Kooperationen zwischen Verlagen und öffentlich-rechtlichen Sendern.
"Journalisten müssen berührbar sein" - Wolfgang Blau. (© Foto: Sagapacific/oh)
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Die Frage "Wozu noch Journalismus?" ist irritierend selbstmitleidig, um nicht zu sagen manipulativ. Sie unterstellt, dass mit dem Niedergang einiger Medienhäuser auch schon das Ende des Journalismus drohe.
Dem Journalismus geht es erstaunlich gut. Ja, die wirtschaftliche Zukunft vieler Zeitungshäuser ist ungewiss. Ja, auch die meisten online-journalistischen Angebote arbeiten noch nicht einmal kostendeckend und niemand kann mit Sicherheit sagen, welches journalistische Geschäftsmodell in Zukunft tragfähig sein wird. Dennoch erlebt der Journalismus gerade seinen größten Entwicklungssprung seit Erfindung des Rundfunks.
Man muss kein Idealist sein, um dem Journalismus ein goldenes Zeitalter vorauszusagen. Nie zuvor konnten Leser auf eine solche Vielzahl nationaler und internationaler Quellen zurückgreifen, um sich ihr eigenes Bild von der Welt zu machen. Nie zuvor wurden Redaktionen in so hoher Geschwindigkeit und Anzahl von ihren Lesern auf neue Aspekte oder auf Fehler hingewiesen. Nie zuvor konnten sich so viele Menschen selbst journalistisch betätigen.
Journalismus ist keine exklusive Profession mehr. Journalismus ist zu einer Aktivität geworden, die nur noch von einer Minderheit professionell ausgeübt wird. Ob ein Journalist professionell ist, bemisst sich nicht mehr daran, ob er mit seiner Arbeit Geld verdient, sondern allein daran, ob er professionelle Standards einhält, etwa in der Sorgfalt und Fairness seiner Recherche und der Qualität seiner Sprache.
Darin liegt für viele Redakteure - junge, wie alte - eine Kränkung. Aber stellen Sie sich vor, Sie würden gerne Musik machen, jedoch in einer fiktiven Welt leben, in der Musikinstrumente so unbezahlbar teuer sind, dass Sie nur als Mitglied eines Berufsorchesters die Chance hätten, jemals Geige oder Trompete zu lernen. So ähnlich sah die Welt des Journalismus vor nur etwa fünfzehn Jahren aus. Journalist war in der Regel nur, wer das Privileg hatte, für einen Sender, ein Printmedium oder eine Nachrichtenagentur zu arbeiten.
Internetbeschimpfung als Mutprobe
Dieses Monopol der alten Medien-Institutionen auf journalistische Produktionsmittel und Vertriebswege wird nicht mehr wiederkehren. Während wir aber selten einen Profimusiker dabei ertappen werden, dass er die Mehrheit der Laienmusiker öffentlich verunglimpft und ihre Verdienste für die Musik abstreitet, begehen verunsicherte Journalisten und Medienmanager alter Schule diesen Fehler heute regelmäßig. Die öffentliche Beschimpfung des Internet wurde zur trotzigen Mutprobe einer ganzen Branche.
Selbstverständlich werden die Menschen auch in Zukunft noch auf vertrauenswürdige, professionelle Websites, Printmedien oder Sender zurückgreifen. Auch in Zukunft wird es noch hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten geben. Es werden aber weniger sein als heute und um sich in einer vom Internet dominierten Medienlandschaft behaupten zu können, werden Redakteure ein neues Selbstverständnis und zusätzliches Handwerkszeug benötigen.
Viele Jahre lang wurde beispielsweise in Redaktionen in aller Welt darüber gestritten, ob Print- und Online-Redakteure auch in der Lage sein sollten, Fotos und Videos von ihren Recherchen mitzubringen. Journalistenverbände warnten - wie bei jeder Einführung neuer Technologien - vor der eierlegenden Wollmilchsau. Seit es aber leicht bedienbare und preiswerte HD-Videokameras in der Größe eines Diktiergerätes gibt, hat sich der Streit gelegt. Auch in vielen deutschen Redaktionen gibt es heute Reporter und Korrespondenten, die ihren Artikeln selbstverständlich ergänzende Videoclips beifügen.
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Fernsehmoderator gestorben
........Fernsehen ohne ARD und ZDF. Anstatt dessen noch zwei zusätzliche Privaten-Müll-Sender? Oh, wie schrecklich.
Hier spürt man, dass jemand das Internet verstanden und seine revolutionäre Dimension begriffen hat.
...wie die Serie weiter geht. Wird sich die Süeddeutsche in Zukunft auch inhaltlich mit Kommentaren von Lesern auseinander setzten? Zu wünschen wäre es - auch wenn das teilweise Arbeit bedeutet, weil es leider halt doch auch den einen oder anderen Troll gibt. Aber das sollten Journalisten ja aushalten - schließlich haben sie es ja auch mit Politikern zu tun.
Schon lange nichts mehr so Vernünftiges und vor allem Uneitles in vergleichbarer Qualität von einem professionellen Journalisten gelesen (geschweige denn, in der SZ). Endlich einmal jemand, der nicht meint, als verkündende Lichtgestalt, uns tumben Massen die einzig wahre Wahrheit (natürlich seine eigene, oder wenigstens die seines Chefredakteurs) schöpfkellenweise verabreichen zu müssen, sondern stattdessen die Möglichkeit in Betracht zieht, daß es auch außerhalb der Redaktionsstuben Spuren intelligenten Lebens geben könnte. Gratuliere.
Meine These zu der Frage, wieso die Internetpräsenz der "Öffentlich Rechtlichen" nicht effektiver, vernetzter und kostensparender im Sinne des Autors ist: Weil sie es nicht nötig haben. Weil "die Deutschen" eben nicht "bereit sind", jährlich Milliarden von im bodenlosen Loch der öffentlich rechtlichen Seichtigkeit zu versenken, sondern schlicht dazu gezwungen werden. Und wie uns die neuesten Vorstöße der Gebühreneintreiber zeigen, soll die ungefragte Mitgliedschaft in diesem Zwangsabonnementenclub in Zukunft wohl noch ausgedehnt werden, von allem das ein "Empfangsgerät bereithält", auf alles, das atmet. Oder einen Respirationstrakt bereithält. Oder so. Und da ARD und ZDF sich keine Gedanken darüber machen müssen, wie (und ob) sie ihr Geld "verdienen", sondern lediglich darüber, wie sie es verprassen können - wieso sollte sich irgendetwas ändern, oder gar verbessern?
Um im Sinne des Textes zu agieren, möchte ich zu diesen informativen und interessanten Text gratulieren.
Leider hat man den Eindruck, dass die Lehren daraus, die Süddeutsche Zeitung nur bedingt erreichen, wenn man etwa die ausgeschaltete Kommentarfunktion am Wochenende und in der Nacht betrachtet.