Serie: Wozu noch Journalismus? Ein Leben voll gefilterter Luft

Instant-Journalismus breitet sich aus. Es gibt eine Kette von Fehlschlägen, in der Politik und den Medien. Konsequenz: Die klassischen Funktionen von Kritik und Kontrolle durch die Medien müssen reanimiert werden.

Von Thomas Leif

Es kommt immer darauf an, von welcher Perspektive aus man die deutsche Medienlandschaft mustert. Einerseits rangiert der deutsche Journalismus mit seinen Spitzenprodukten aller Genres sicher ganz oben in Europa und der Welt. Die Süddeutsche und die FAZ, der Spiegel, die Zeit und der Stern, der Deutschlandfunk und viele erstklassige Angebote nicht nur in den zweiten Hörfunkwellen, Magazine und Features in den TV-Randzonen, dazu ausgesuchte Online-Angebote und ein gutes Dutzend seriöse Regionalzeitungen: Wer viel Zeit hat und sich durch diesen Luxus-Dschungel schlägt, hat keinen Grund zur Klage. Aber machen wir uns keine Illusionen, wie intensiv dieser Premium-Journalismus genutzt wird? Die frischen Ergebnisse aus der Marktforschung über die tatsächliche Nutzung dieser Qualitätsangebote oder die Verweildauer bei anspruchsvollen Programmen führen die Nutzer dieser Daten in ein tiefes Tal der Depression.

PR der Medienberater - "Regeln in Blattgold"

Aber - ohne die Substanz dieser Rohstofflieferanten, ohne die hier gesetzten Maßstäbe und Impulse würde die (restliche) deutsche Medienlandschaft nicht viel mehr bieten als die "Kommentierung von Marketing" und das Recycling von Fremdmaterial. Kein Zweifel: Viele Medienproduzenten leben von gefilterter Luft, verstehen sich als Textmanager von zugeliefertem "Content", als Experten für suchmaschinenoptimierte Überschriften und als begnadete Teaser-Texter. In den sieben (internen) Regeln einer öffentlich-rechtlichen Hörfunkwelle verbirgt sich in denkbar knappster Form das Glaubensbekenntnis einer verkümmerten Profession: "Mache es spannend", heißt es da im Stakkato. "Erst Earcatcher, dann Thema, dann Mehrwert/ Weiterdreh. Möglichst nur ein Aspekt, ein Thema - es muss nicht das 'wichtigste' sein. Mehrwert direkt nennen, keine Rätsel, keine Ironie, nicht um die Ecke denken."

Diese Teaser-"Regeln in Blattgold", inspiriert von externen Beratern, die erst den Hörfunk und dann die Zeitungen heimgesucht und planiert haben, illustrieren den langsamen Wandel des Journalismus vom Beruf zur Tätigkeit. Diese journalistische Welt lebt vom Hörensagen im Büro, braucht kein Telefon, keine eigenen Beobachtungen, keine belastbaren Informanten und keine Berührung mit der rauen Realität. Eine besondere Art von Instant-Journalismus aus zweiter Hand breitet sich immer weiter aus. In dieser Welt geht es um die Herstellung von "Aufregern" und "Nachrichten mit Gesprächswert", um "news to use", um die Bedienung aufwändig ermittelter Unterhaltungsbedürfnisse der Nachrichtenkunden. Es geht nicht mehr um das "Wichtigste". Die klassischen Nachrichtenfaktoren stehen zwar noch in den Lehrbüchern, in der Praxis sind sie längst im Copy-and-Paste-Sog untergegangen. Die Umkehr der Wichtigkeiten, die Faszination des Boulevards und des Tabubruchs, verbunden mit einem hysterischen Alarmismus und angetrieben von einer zum Teil irrwitzigen Tempospirale ist oft und von Vielen beklagt worden. Geändert hat sich trotz aller gut dokumentierten Diagnosen nichts.

Kritik und Kontrolle - die Renaissance der alten Tugenden

Horst Köhlers Redenschreiber beobachteten das Berliner Treibhaus, die Melange von Medien und Politik, die wechselseitige Verachtung von Journalisten und Politikern sehr genau. Deshalb kritisierte der Ex-Bundespräsident Mitte Mai die Arbeit der Medien erneut sehr scharf. Sie würden Politik als "Kette von Fehlschlägen und als Intrigantenstadl" vermitteln. Diese Sätze bei der Einführungsrede für den neuen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe fanden natürlich keine Resonanz - nicht einmal in den Agenturen.

Ähnlich erging es Köhler mit seiner bemerkenswerten Rede anlässlich des Jubiläums der Bundespressekonferenz. Hier knüpfte er an die Medienkritik seiner Vorgänger Rau und von Weizsäcker an. Fundamentale Medienkritik dieser Art gehört mittlerweile zum guten Ton der Berliner Republik, wird aber ignoriert. Denn der Bundespräsident folgt -wie viele seiner Kollegen der politischen Klasse - einem grundlegenden Irrtum, wenn es um die selbstkritische Reflexion ihrer "(Nicht)-Entscheidungsprozesse geht. Handelt es sich bei den hunderte Milliarden schweren Euro-Rettungspaketen in letzter Minute nicht um eine "Kette von Fehlschlägen"? Wer hat wann die Finanzmärkte dereguliert und die absurdesten Geschäftsmodelle per Gesetz legitimiert? Gab es ein funktionierendes Frühwarnsystem? Wurden die von der Finanz-Lobby selbst getexteten Gesetze tatsächlich frühzeitig kritisiert? Wurden in diesem Zusammenhang die "Entparlamentarisierung des Parlaments" und die stetig wachsende Zahl von politikverachtenden Nichtwählern von den Medien überhaupt wahrgenommen?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die Grundlage für die verfassungsrechtlich garantierten Privilegien der Medien ist.