Wozu Journalismus? Bitte nicht als Familienalbum der Politik.
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Journalismus muss nachhaltig sein! Wo Politiker ihre Versprechen nicht halten, wo Probleme wolkig wegdefiniert werden, da lautet der journalistische Auftrag: Dranbleiben und nichts durchgehen lassen, jedes Versprechen so lange aufrufen, bis es erfüllt oder als falsches Versprechen entlarvt ist.
Journalismus muss kampagnenfähig sein. Seine Verbündeten sind die Bürger im Internet. Sie sind Tippgeber, Nachrichtenlieferanten, Mitdiskutanten. Wenn sich Journalisten zu Organisatoren von Netzdiskussionen machen, wenn sie steuern, korrigieren und sachlichen Input geben, dann erfüllt der Journalismus seine gesellschaftliche Funktion als Aufkärer und Welterklärer.
Wozu Journalismus? Weil der Journalist Bürgerbeauftragter ist und im Gegensatz zur Politik nie den Kontakt zur Basis verliert. Der Basiskontakt lässt sich täglich an Auflage, Marktanteil und Verkaufserlös messen. Und die Basis hat das Zeug zum Mitmach-Reporter.
Papst Benedikt bei einem Gläschen Schnaps
Der Aufstand gegen den Leserreporter von Bild war ein Aufstand der Bigotterie. Nichts belegt das besser als jenes Leserfoto, das aus Gründen der Diskretion vom Boulevard nicht gedruckt wurde, aber dafür in der FAZ Karriere machte. Es war der Schnappschuss, auf dem Papst Benedikt beim Deutschlandbesuch mit seinem Bruder entspannt auf der Terrasse ein Schnäpschen trinkt. Der Abdruck von Leserfotos ist so alt wie die Fotografie in der Zeitung - vom Luftschiffabsturz 1913 in Berlin-Johannisthal bis zu den stürzenden Wolkenkratzern von 9/11. Aber die Prüfung von user generated content in Text und Bild verlangt eine personell intensive Begleitung und Nacharbeit.
Verlässlichkeitskommunikation
Liebe Verleger, wenn Euch das zu teuer ist, setzt Ihr die Glaubwürdigkeit des journalistischen Produkts aufs Spiel. Aber ohne das Alleinstellungsmerkmal Glaubwürdigkeit stellt sich die Frage mit Recht:
Wozu Journalismus?
Weil die Medien als Glaubwürdigkeitsagenturen eine neue Verpflichtung zu übernehmen haben. Wie verführerisch das Motto, "Augenzeugen übernehmen die Nachrichten" klingen mag, der Empfänger einer Twitter-Botschaft weiß nicht, wie echt die Augenzeugenschaft ist. Echtzeit sagt nichts über die Echtheit der Information. Damit aus der Vielfalt von Infobits, Eindrücken und Gerüchten, von Selbsterlebtem und Ausgedachtem verlässliche Nachrichten werden, bedarf es der Prüfung durch journalistischen Fachverstand. Journalismus ist nötig, damit aus Zufallskommunikation Verlässlichkeitskommunikation wird.
Wozu Journalismus? Weil er unser Leben bereichert.
Deshalb sage ich meinen Kollegen: Achtet den Leser, den Hörer, den Zuschauer. Gönnt ihm ab und zu einen überraschenden Gedanken, eine neue Idee. Er ist es wert. Werdet nicht Bauchredner des Publikums. Erfüllt die Wünsche der Kundschaft, aber drückt nicht in vorauseilendem Gehorsam die Standards weiter nach unten. Seid nicht Schwarzmaler oder Schönfärber, sondern verlässliche Bündnispartner und besonnene Welterklärer. Dann stellt sich die Frage nicht mehr: Wozu Journalismus? Die tägliche journalistische Arbeit ist Antwort genug.
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(sueddeutsche.de/berr)
...für eine der wichtigsten "Zünfte" in der Mediendemokratie: Das sage ich dem guten! Journalismus voraus.
Sehr guter Aufsatz: ausgewogen, moralisch, pseudokonkret, und dabei so frei von scharfen Kriterien, dass er niemand weh tut. - Das solltest du lernen, mein Junge: So wirft man sich bei seinen Lehrern ran. So wird man Intendant. So wird man Medienprofessor! - Schade um die Lesezeit!
Was würde denn der Herr Professor zur INSM sagen. Diese besitzt seit Jahren die Deutungshoheit in der Medienlandschaft und sich diesem Dauerbeschuss zu entziehen und sich unabhängige Informationen zu beschaffen kostet viel Zeit und Mühe. Diese Zeit können und wollen sehr viele Menschen einfach nicht aufbringen. Dann kommt es eben vor das Krankenschwestern mit Zeitvertrag FDP wählen.
Es würde schon völlig genügen wenn sich Jounalisten um etwas kritische Distanz und Dialektik bemühen würden. Wenn ich die Kommentare des Herrn B. in dieser Zeitung lese, dann weiß ich hier schreibt ein Gefangener seiner Überzeugungen. Mit kritischen Journalismus hat dies nichts zu tun.
Es gibt nur sehr wenige Zeitungen, die unabhängig Bericht erstatten. Zu den wichtigsten gehört die TAZ. Sie hat keine Werbekunden zu bedienen. Politisch ist sie niemanden verpflichtet. Sicherlich, sie hat ihre Klientel, die sich gerne bedient sieht. Beim Umgang mit dieser Klientel, ist sie aber nicht zimperlich und "mutet" ihrer Leserschaft auch unbequeme Wahrheiten zu.
Das Problem dabei:
Unbequeme Wahrheiten sind für den Leser anstrengend. Fehlende "Yellow-Press"-Inhalte lassen die Zeitung für viele Leser langweilig erscheinen.
Folge für die taz: Sie wird wohl lange eine "kleine" Zeitung bleiben.
Folge für die allgemeine Bevölkerung: Nur wenige Menschen sind in der Lage, wichtige, wahre Zusammenhänge zu erfassen. Und darum bleibt auch gesellschaftlich gesehen die diktierte Richtung eingehalten.
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