Talese hat ein eindringliches Bild dafür gefunden, was Journalisten sein sollen, wie sie arbeiten sollen: "Wir Journalisten sollten eine Religion der Ungläubigkeit predigen! Ein Heiliger Orden der Ungläubigen, das sollten wir sein. Wir sollten unseren Dienst in Klöstern der Wahrheit tun, über die Schriften gebeugt. Und diese Klöster sollten weit, weit weg sein von den Palästen." Davon war in Merkels Rede vor der Konrad-Adenauer-Stiftung gar nichts zu spüren.
"Es gibt ein Leben ohne Journalismus" - Freitag-Chef Jakob Augstein. (© Foto: dpa)
Anzeige
Im Gegenteil. Sie gab den jungen Kollegen wohlmeinende Ratschläge mit auf den Weg: "Wenn man langfristig groß herauskommen will, ist, würde ich sagen, eine doppelte Quellenbefragung immer wichtig." Und bewies überhaupt viel Einfühlungsvermögen für das Wirken der Presse: "Ihre Tätigkeit ist natürlich auch eine sehr spannende Tätigkeit", sagte sie, "mein Plan für den Tag ist meistens schon fertig. Sie hingegen können gespannt darauf warten, was an dem Tag passiert und was Eingang in Ihre Arbeit findet."
Wie Mitarbeiter des Kanzleramts
Was Angela Merkel da gesagt hat, war nur scheinbar von ergreifender sprachlicher und gedanklicher Schlichtheit. Es war bezeichnend dafür, dass Journalisten und Politiker sich heute mitnichten als Gegner verstehen, sondern als Partner.
Merkel hat zu den Journalisten geredet als seien sie Mitarbeiter einer Abteilung im Kanzleramt.
Und wenn man es sich recht überlegt, kommt man zu dem Schluss: Ja, so sehen sich mehr und mehr Journalisten auch selbst. Und wenn das so weitergeht, dann braucht man in der Tat keine Journalisten mehr. Dann tun Pressesprecher es auch. Das scheint der Zug der Zeit ohnehin zu sein: Es soll mittlerweile mehr Pressesprecher in Deutschland geben als Journalisten.
Merkels Einladung der Chefredakteure
Ein paar Monate zuvor, am 8. Oktober 2008, hatte es ein sonderbares Treffen gegeben, das in diesem Zusammenhang Erwähnung finden soll. Die Bundeskanzlerin hatte an jenem Tag die bedeutenden Chefredakteure der bedeutenden Medien eingeladen. Es war die Zeit, in die der Ausbruch der großen Finanzkrise fiel. Man findet keinen ausführlichen Bericht über dieses Treffen, der veröffentlicht worden wäre und überhaupt nur wenige Erwähnungen in den Archiven, nur hin und wieder einen Nebensatz, eine knappe Bemerkung. An einer Stelle liest man in dürren Worten, worum es an diesem Abend im Kanzleramt ging: Merkel bat die Journalisten, zurückhaltend über die Krise zu berichten und keine Panik zu schüren.
Sie haben sich daran gehalten, die Chefredakteure. Noch im Februar 2009, vier Monate später, wunderte sich die taz über die Medien: "Sie halten die Bürger bei Laune, auf dass diese stillhalten. Wie viel Geld bereits in die Banken gepumpt wurde, wie viele Milliarden Bürgschaftszusagen vergeben wurden (und wie viele Hartz-IV-Monats"löhne" das sind), das steht auch nicht in der Zeitung.
Die Süddeutsche vom 15. Januar beispielsweise versteckt die Mitteilung, dass die Hypo Real Estate zum vierten Mal in vier Monaten Milliarden Bargeld und Bürgschaften braucht, unter der Überschrift "Wenn Steinbrück an die Tür klopf". Die Bild-Zeitung übrigens bekam sogar einen Preis dafür, dass sie so "verantwortungsvoll" berichtet habe. Einen Preis, der von Journalisten verliehen wurde.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Journalisten ihre Verantwortung wahrnehmen können.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 3 nächste Seite
- Thema
- Wozu noch Journalismus RSS
- Rudolf und Jakob Augstein "Spiegel"-Erbe: Martin Walser ist mein Vater 27.11.2009
- Serie: Wozu noch Journalismus? Es geht erstaunlich gut 17.05.2010
- Wozu noch Journalismus? Tiefgreifender Transformationsprozess 14.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (18) Trend zur Brotbackmaschine 08.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (17) Schreckgeweitete Augen 03.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (16) Mut und Harakiri 24.04.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (15) Selbstbeauftragte Publizisten 17.04.2010
"Er hat bei der SZ volontiert", sehr witzig, da ist ja auch ein wahrer Kenner am Werk gewesen, dessen Angaben zur beruflichen Vergangenheit Jakob Augsteins sich in diesen Worten erschöpfen.
Dass er unter anderem die Berlin-Seite der SZ geleitet hat, seine verschiedenen Reporter-Tätigkeiten, usw. -- von alledem nichts. Nur: bei der SZ volontiert!
Wie mir diese schülerzeitungshaften, debilen Klickteaser auf die Nerven gehen, die nach Kindergeburtstag klingen.
Wie würdelos fühlt sich das eigentlich an, sueddeutsche.de, jeden noch so gut lesbaren Zeitungsartikel in mehrere Stücke zu zerhackseln, um irgendwie noch ein paar Cent mehr rauszudrücken?
Mit dem Niveau der Süddeutschen Zeitung jedenfalls hat das nichts zu tun.
Da zeigt sich eben doch die Ostsozialisation und wieso man die nicht als kleine (n)ostalgische Eigenart abtun darf.
Systematischer Extremismus ist eine gefährliche Sache und eine Demokratie muss sich auf bisher drei Seiten gegen ihn verteidigen können!
Herrn Augstein ist voll und ganz zuzustimmen! Hoffentlich macht er Schule!
Leider vermisse ich einen sauber recherchierten, kritischen Journalismus, der sich mit Hintergrundinformationenen zu den wichtigen Themen befasst und nicht oberflächlichen Boulevardjournalismus betreibt, bei fast allen Online-Medien wie SZ Online, Spiegel Online und Zeit Online.
Was waren das noch für Zeiten, als gerade der Spiegel montags mit neuen, sauber recherchierten Enthüllungen erschien und die Institutionen und Firmen "vor sich her trieb".
Schade ...
Paging