Die Presse und die Regierungschefin: Warum Angela Merkel Journalisten als Handlanger betrachtet und was daran gefährlich ist.
Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander.
Journalisten als Partner der Politiker - eine gefährliche Entwicklung. (© Foto: AP, dpa, Grafik: sueddeutsche.de)
Anzeige
In der aktuellen Folge scheibt "Freitag"-Verleger Jakob Augstein
Sie wollen wissen "Wozu noch Journalismus"? Was für eine Frage, denkt man. Da können Sie ja genauso gut fragen, wozu noch Schuhe an den Füßen, denkt man, oder Butter auf dem Brot. Man will sich gar nicht vorstellen, dass es ohne Journalismus geht. Also unsere Gesellschaft, unsere Öffentlichkeit, unser System, unsere Freiheit.
Oder wie Angela Merkel den Gedanken ausdrückt: "Die freien Medien sind ja sozusagen ein Teil des Lebenselixiers jeder Demokratie." Sie hat das im März 2009 vor jungen Journalisten gesagt, unsere Bundeskanzlerin, die ja eine der mächtigsten Frauen der Welt ist, aber leider nicht eine der wortmächtigsten. Journalismus tut not, denkt man ja. So wie Seefahrt früher nottat.
Zur See fahren, aber nicht leben
Navigare necesse est. Aber der Spruch geht noch weiter: Vivere non est necesse. Man muss zur See fahren, aber nicht leben. Das war schon zur Römerzeit Unsinn und umgekehrt wurde der Schuh daraus. Dem Journalismus kann es ähnlich ergehen: Es gibt ein Leben ohne ihn. Es sollte einen ja stutzig machen, denkt man, wenn die Bundeskanzlerin so teilnahmsvoll über den Journalismus redet, und man erinnert sich an die Worte des Journalisten Gay Talese: "Sie lügen alle! Man darf ihnen nichts glauben! Niemals!"
Das galt der Klasse der Politiker. Talese ist einer der größten Reporter Amerikas und er hat eine klare Haltung dazu, wie das Verhältnis von Politik und Journalismus gestaltet sein soll: Gar nicht! Politiker sollen Journalisten fürchten. Und Journalisten sollen Politikern misstrauen.
Vorreiterrolle Amerikas
In Amerika sterben die Zeitungen, hierzulande leiden sie. Amerika ist uns immer ein bisschen voraus. Was hat der Journalismus in Amerika falsch gemacht, dass die Menschen meinen, ohne ihn auskommen zu können? Dass der Journalismus nicht mehr nottut? Gay Talese sagt: "Die Medien sind der Macht zu nahe gekommen. Der perfekte Journalist ist immer ein Fremder." Talese beschreibt die Journalistengeneration der amerikanischen Nachkriegszeit, deren Eltern Einwanderer waren, Juden, Italiener.
Sie berichteten über eine andere Klasse, eine höhere Klasse, die White Anglo-Saxon Protestants der Ostküste: "Wir warteten draußen, bis sie herauskamen und uns Krümel hinwarfen. Brocken. Wir haben sie nicht gehasst. Wir haben sie beobachtet. Es fiel uns leicht, dagegen zu sein." Und heute? Man hat sich angenähert. Der soziale Aufstieg hat die Journalisten selber in die herrschende Klasse gespült: Ihre Kinder besuchen dieselben Schulen, sie wohnen in denselben Vierteln, sie gehören zu denselben Klubs: "Es gibt zwischen den Medien und der Macht heute eine Verwandtschaft, die es früher nicht gab. Einen Mangel an Skeptizismus."
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Angela Merkel über Journalisten denkt.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
- Thema
- Wozu noch Journalismus RSS
- Rudolf und Jakob Augstein "Spiegel"-Erbe: Martin Walser ist mein Vater 27.11.2009
- Serie: Wozu noch Journalismus? Es geht erstaunlich gut 17.05.2010
- Wozu noch Journalismus? Tiefgreifender Transformationsprozess 14.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (18) Trend zur Brotbackmaschine 08.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (17) Schreckgeweitete Augen 03.05.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (16) Mut und Harakiri 24.04.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? (15) Selbstbeauftragte Publizisten 17.04.2010
Wettmanipulation im Fußball
"Er hat bei der SZ volontiert", sehr witzig, da ist ja auch ein wahrer Kenner am Werk gewesen, dessen Angaben zur beruflichen Vergangenheit Jakob Augsteins sich in diesen Worten erschöpfen.
Dass er unter anderem die Berlin-Seite der SZ geleitet hat, seine verschiedenen Reporter-Tätigkeiten, usw. -- von alledem nichts. Nur: bei der SZ volontiert!
Wie mir diese schülerzeitungshaften, debilen Klickteaser auf die Nerven gehen, die nach Kindergeburtstag klingen.
Wie würdelos fühlt sich das eigentlich an, sueddeutsche.de, jeden noch so gut lesbaren Zeitungsartikel in mehrere Stücke zu zerhackseln, um irgendwie noch ein paar Cent mehr rauszudrücken?
Mit dem Niveau der Süddeutschen Zeitung jedenfalls hat das nichts zu tun.
Da zeigt sich eben doch die Ostsozialisation und wieso man die nicht als kleine (n)ostalgische Eigenart abtun darf.
Systematischer Extremismus ist eine gefährliche Sache und eine Demokratie muss sich auf bisher drei Seiten gegen ihn verteidigen können!
Herrn Augstein ist voll und ganz zuzustimmen! Hoffentlich macht er Schule!
Leider vermisse ich einen sauber recherchierten, kritischen Journalismus, der sich mit Hintergrundinformationenen zu den wichtigen Themen befasst und nicht oberflächlichen Boulevardjournalismus betreibt, bei fast allen Online-Medien wie SZ Online, Spiegel Online und Zeit Online.
Was waren das noch für Zeiten, als gerade der Spiegel montags mit neuen, sauber recherchierten Enthüllungen erschien und die Institutionen und Firmen "vor sich her trieb".
Schade ...
Paging