Regierungssprecher Seibert Ein Wechselwähler spricht für Merkel

Der freundliche Nachrichtenverkünder Steffen Seibert vom ZDF soll künftig die Regierungspolitik der Kanzlerin und ihrer Minister-Combo verkaufen. Wofür steht der Mann?

Von Hans-Jürgen Jakobs

Die Überraschung unter den Journalisten ist perfekt. Sie diskutieren an diesem Samstagmorgen in Hamburg bei der Jahrestagung von "Netzwerk Recherche" über die Branche, als eine Neuigkeit die Runde vom Flur in die Säle hinein macht: Steffen Seibert wird Regierungssprecher.

Der smarte Mann vom ZDF, seit 22 Jahren im Sender, zuletzt ein freundlicher Nachrichtenverkünder bei "heute", soll künftig die Regierungspolitik der Kanzlerin Angela Merkel und ihrer Minister-Combo verkaufen. Was? Der Steffen Seibert?

Auch ZDF-Talkikone Maybrit Illner will es erst nicht glauben. Sie sagt, Seibert sei ein "hervorragender Journalist". Aber Regierungssprecher?

Nun ist der Erkorene jemand, der die Macht und die Hochpolitik kennt. Regelmäßig hat er an Wahlabenden die Prognosen und Hochrechnungen präsentiert, immer elegant und fast salopp. Er ist ein Profi, und wenn Christian Wulff davon redet, dass die Zukunft den Sanftmütigen gehöre, dann gilt das wohl auch für ihn. Aber ist das ein Job mit Zukunft?

Seit der Bundestagswahl im September 2009 sucht Merkels Frau- und Mannschaft nach einer Linie. Öffentlich zerlegen sich die Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP mit immer neuen Invektiven. Da war selbst Ulrich Wilhelm machtlos, der bisherige Regierungssprecher, der im Februar 2011 als Intendant des Bayerischen Rundfunks tätig wird.

Als hätte es noch eines Beweis für die Macht von Medien und das Dogma der journalistischen Agendapolitik bedurft: Für den Regierungssprecher, der zu den Öffentlich-Rechtlichen wechselt, kommt nun von den Öffentlich-Rechtlichen ein Spitzenjournalist ins Sprecheramt. Die Systeme tauschen sich aus.

Beim ZDF, seiner Lehranstalt auf dem Mainzer Lerchenberg, hat Seibert viele Stationen durchlaufen. Er war Auslandskorrespondent in Washington, moderierte sich durchs Morgenmagazin und durchs Abendmagazin, und für seine Live-Moderation am 11. September 2001, dem Tag des Anschlags auf das World Trade Center in New York, bekam er die Goldene Kamera.

Große Sehnsucht

Steffen Seibert ist also ein Leistungsträger des Senders. Doch der Aufstieg nach ganz oben erscheint irgendwie versperrt: Da ist Maybrit Illner, die beispielsweise das Kanzler-Duell moderiert, und da ist der omnipräsente Claus Kleber.

Mit Frau und drei Kindern lebt der Noch-ZDF-Journalist in Wiesbaden, ein Kind heißt nach einer Schauspielerin Tallulah. Zu den Besonderheiten seiner Vita gehört schon, dass er evangelisch getauft ist, dann aber austrat und erst Jahre später zum katholischen Glauben konvertierte. Da habe es "eine große Sehnsucht nach Religion gegeben, nach einem Aufgehobensein im Glauben", sagt er. Der Mann, dem man seine 50 Jahre nicht ansieht, ist Unicef-Repräsentant und Schirmherr des Verbandes "Das frühgeborene Kind e.V.". Reden kann Seibert nicht nur auf deutsch, er spricht auch exzellent französisch - erst kürzlich moderierte er den deutsch-französischen Journalistenpreis in geschliffener Sprache.

Zwei wurden Intendant

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