"Schweig, Verräter!" auf Arte Häftling der Wahrheit

Nach Meinung seines Arbeitgebers, des Geheimdienstes CIA, ist John C. Kiriakou ein Verräter.

(Foto: ZDF/Morninglight Films)

Dreißig Monate Haft, weil er mit der Presse über die Foltermethoden der CIA sprach: Arte erzählt die traurige Geschichte des Wistleblowers John C. Kiriakou, der wegen eines Gesetzes aus dem Ersten Weltkrieg Arbeit und Familie verloren hat.

Von Willi Winkler

Wer den Namen auf der Website der amerikanischen Bundesbehörde für die Gefängnisse eingibt, erfährt sofort, wo John C. Kiriakou seine Zeit verbringt: in einem Ort mit dem schönen marianischen Namen Loretto, der in einer nicht weniger idyllischen Ecke von Pennsylvania liegt. 50 Jahre alt ist der Häftling mit der Registernummer 79637-083, verrät die Website, männlich und von der "Rasse" her: weiß. Kiriakou ist ein Gesetzesbrecher, aber er war geständig und wurde deshalb in einem rechtsstaatlichen Verfahren verurteilt.

Er kann von Glück sagen, denn in Loretto wird er nicht durch Schlafentzug und Scheinertränken gefoltert. Niemand verpasst ihm Klistiere, niemand fuchtelt mit einer brummenden Bohrmaschine um seinen Kopf herum oder droht ihm an, seine Frau vor seinen Augen zu vergewaltigen. Kiriakou sitzt nur seine dreißig Monate lange Haftstrafe ab.

Der Häftling Kiriakou hat einmal für den Geheimdienst CIA gearbeitet. Irgendwann hat er es nicht mehr ausgehalten und mit Journalisten gesprochen. So ist bekannt geworden, dass die USA, die unter Ronald Reagan die Konvention gegen Folter unterschrieben haben, ihre Gefangenen systematisch unter anderem durch Scheinertränken foltern. Kiriakou wurde vom Agenten zum Whistleblower, also nach Meinung seines Arbeitgebers ein Verräter. Für die Regierung von Barack Obama gab es keine Zweifel, sie klagte ihren Beamten nach einem Gesetz aus dem Kriegsjahr 1917 als Spion an und setzte seine Bestrafung durch.

Kollateralschäden im Anti-Terror-Krieg

Regisseur James Spione erzählt die Geschichte des frommen Kiriakou und auch die des NSA-Agenten Peter Drake und der Anwältin Jesselyn Radack. Sie alle haben gegen das Loyalitätsgebot, womöglich auch gegen einen Eid verstoßen, weil sie nicht mehr bereit waren, die so herrlich als "erweitert" umschriebenen Verhörmethoden zu decken. Alle drei verlieren ihre Arbeit, die Familien werden zerstört, sammeln Schulden an, die in keinem Leben mehr beglichen werden können. Das sind die Kollateralschäden im amerikanischen "Krieg gegen den Terror". Bis heute ist kein einziger CIA-Angehöriger wegen Folter verurteilt worden.

Am vergangenen Sonntag erinnerte der ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain daran, dass die USA "nach dem Zweiten Weltkrieg japanische Kriegsverbrecher vor Gericht gebracht und aufgehängt haben, weil sie Amerikaner dem Scheinertränken ausgesetzt hatten". Am 1. Mai 2015 wird der Häftling mit der Nummer 79637-083 voraussichtlich entlassen, sagt die Website der Gefängnisverwaltung. Im Übrigen strebt die Behörde "Vollzugsexzellenz" an und berühmt sich so schöner Tugenden wie "Respekt" und "Integrität".

Schweig, Verräter! Whistleblower im Visier, Arte, 20.15 Uhr.

Europa muss anklagen

Die CIA ließ Terrorverdächtige entführen und Geheimnisse aus ihnen herausquälen. Doch auch wenn die Ära Bush längst vorbei ist: Die USA werden die Folterknechte der Geheimdienste nicht vor Gericht stellen. Deswegen müssen die Europäer Anklage erheben - auch wenn das politisch heikel ist. Kommentar von Stefan Ulrich mehr ... Kommentar