Schweden-Hochzeit Unsere Königstochter

Victoria von Schweden heiratet, und 277 deutsche Journalisten sind dabei. Haben wir eigentlich noch alle Tassen im Schrank?

Von Evelyn Roll

Da wird man also als bekennend hochadels- und hochglanzsimmune Yellow-Press-Verächterin vor den Fernseher gesetzt, bereit für anti-monarchistisch-hämisches Hohngelächter und vernichtenden Verriss. Die Arme kritisch distanziert verschränkt. Munitioniert mit absurden Zahlen: 2315 Medienmenschen haben sich in Stockholm für eine Hochzeit akkreditiert, 711 Ausländer, 277 davon allein aus Deutschland, und davon mehr als 70 nur für das ZDF. Haben die noch alle Tassen im Schrank?

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Offenbar ja. Das deutsche TV-Publikum hat sich am Samstag tatsächlich noch mehr für die schwedische Hochzeit als für die Fußballweltmeisterschaft interessiert. Knapp sieben Millionen Menschen haben um 13.50 Uhr eingeschaltet und sind drangeblieben, mehr als sechs Stunden lang. Aus Kneipen und Public-Viewing-Zonen in Berlin und München wurde berichtet, dass die WM-Leinwände zu Hochzeitsübertragungswänden umfunktioniert wurden, erst zwischendurch, und dann, nach erbitterten Debatten, schließlich ganz. Die Kritikerin hat Tränen in den Augen und muss trotz tolpatschig-redundanter ZDF-Moderatoren - "Er feiert nun einmal gerne, der Schwede" - zugeben, dass sie seltsam angezogen und sehr berührt war vom Hochzeitsgeschehen. Und der Korrespondent in Schweden berichtet, dass er jetzt immerzu gefragt wird, warum ausgerechnet die Deutschen eigentlich so verrückt sind nach der schwedischen Monarchie.

"Homerische Tiefen"

Ein armer Dorfsportler aus Ockelbo verliebt sich in die schöne Kronprinzessin. Vater König ist dagegen. Die Prinzessin hört auf zu essen. Ihr Geliebter wird todkrank. Da erinnert Vater König sich daran, dass auch er einst eine Bürgerliche geliebt und geehelicht, sehr glücklich geworden und sein Königreich in die Neuzeit gerettet hat. Er stimmt also einer Hochzeit zu. Die Prinzessin beginnt wieder zu essen. Der Bräutigam bekommt von seinem Vater, einem braven Untertan und Beamten, eine Niere geschenkt, damit auch er weiter leben kann. Dann wird geheiratet. Und die Welt weint.

"Wenn alle Archetypen schamlos hereinbrechen, erreicht man homerische Tiefen", schrieb Umberto Eco in seinem zu Recht berühmten Aufsatz Casablanca oder die Wiedergeburt der Götter. Und: "Zwei Klischees sind lächerlich. Hundert Klischees sind ergreifend. Denn irgendwie geht einem plötzlich auf, dass die Klischees und Archetypen miteinander sprechen und ein Fest des Wiedersehens feiern."

Das funktioniert besonders in Deutschland. Weil nirgendwo sonst sich alle Politik und Staatlichkeit so weit entfernt hat von Märchenglanz und Popkultur. Weit und breit kein tragischer Held wie Obama, keine lächerliche Operettenfigur wie Berlusconi, kein Sarkozy, der jetzt sogar seinen Bodyguards verboten hat, größer als 1,70 Meter zu sein, damit er auf den Fotos nicht so klein aussieht, wie er in Wirklichkeit ist.

Wir haben Merkel, Westerwelle und Seehofer, Lähmung, Entsetzen und Dauerdepression. Ein politisches Personal und Narrativ, das sich jeder Märchenhaftigkeit und popkultureller Ausdeutung entzieht. Und jetzt steht auch noch das Schloss Bellevue leer, weil uns der Bundespräsident davongelaufen ist. Dazu das 0:1 gegen Serbien. Und der Dauerregen. Die einzige lebende deutsche Königin ist nun mal Silvia von Schweden. Wir haben keine andere. Es heiratet in Stockholm: unsere Königstochter. Es ist unser Sommermärchen, sechs Stunden und 70 ZDF-Menschen waren dafür nicht zu viel.

Victoria und ihr Traumprinz

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