"Schimanski - Loverboy" in der ARD Der Pott heißt jetzt iPod

Der leibhaftige Götz George. Wer je die Gelegenheit hatte, mit ihm zu sprechen, wird dabei das Gefühl gehabt haben, keinem Geringeren als Schimanski gegenüberzusitzen.

Horst Schimanski ist wieder da. Er tritt die Türen nicht mehr selber ein, der Herr Kriminalhauptkommissar aus Duisburg lässt jetzt treten. Wo Schimanski früher wie besinnungslos für Gerechtigkeit kämpfte, leidet er heute unter seiner Gebrechlichkeit - und den Tücken moderner Kommunikationsmittel.

Von Holger Gertz

Praktisch nach jedem Tatort schreibt jemand bei Twitter, das habe doch so alles keinen Zweck mehr, man soll Schimanski wieder ranlassen, alles soll sein wie früher. Früher: Der erste Film mit Kommissar Horst Schimanski lief 1981 und hieß "Duisburg-Ruhrort". Schimanski verschlang rohe Eier, der Kassettenrekorder spielte Leader of the Pack.

Später hat sich die Figur vom Tatort emanzipiert, seit 1997 laufen die Filme unter dem Label Schimanski - allein das zeigt, wie legendär eine Figur ist, bei der Fiktion und Realität ineinanderfließen.

Schimanski war in der bleiernen Zeit der Achtziger eine Art Gegengewicht zu Helmut Kohl, Schimanskis Image übertrug sich auf das seines Darstellers Götz George. Und, wer je die Gelegenheit hatte, mit dem leibhaftigen George zu sprechen, wird dabei das Gefühl gehabt haben, keinem Geringeren als Schimanski gegenüberzusitzen: diese moralische Rigidität. Dieses wunde Herz in einem Eisenbiegerkörper.

George ist jetzt noch mal Schimanski, "Loverboy" heißt die Episode. Pubertierende Mädchen verlieben sich in Jungs, die mit den Gefühlen spielen und Zwangsprostituierte aus den Mädchen machen. Loverboys verraten Seelen und verhökern Körper.

Schimanski kramt aus einem Pappkarton zwei Schimanski-Jacken raus und wirft sich dann die weniger verdreckte über. Wie ein Veteran, der sich noch einmal aufmacht. Er tritt die Türen nicht mehr selber ein, Schimanski lässt jetzt treten. Aber er ist im Auftrag des Guten unterwegs, er rettet das Mädchen, ohne selbst gerettet werden zu können.

Der frühere Schimanski kämpfte wie besinnungslos für Gerechtigkeit, der Schimanski von heute leidet unter seiner Gebrechlichkeit. Es zwickt im Schritt, er bräuchte langsam eine Brille, und er nuschelt Begriffe, die keiner mehr kennt, Festnetz zum Beispiel.

Inzwischen lässt er sich allerdings Fahndungsbilder aufs Handy schicken. "Kennen sie sich mit solchen Dingern aus - da drin soll ein Foto sein", sagt Schimanski, der andererseits weiß, dass "der Pott jetzt iPod heißt".

Die Geschichte wird vom routinierten Regisseur Kaspar Heidelbach eher konventionell runtererzählt, das Motiv der großäugigen und verschleppten Kindfrau scheint sehr überstrapaziert im deutschen Kriminalfilm - wobei die Variation des Themas diesmal ungewohnt ist. Und wahrscheinlich würde man Schimanskis ewigen Kampf mit dem Smartphone albern finden, wenn man bei ihm nicht immer diese großen Momente mitdenken würde, die man mit ihm erlebt hat, damals in den Achtzigern. Mit ihm, und mit Thanner und Königsberg und Hänschen.

Eberhard Feik, der Darsteller des Kollegen Thanner, ist lange tot, vor ein paar Monaten ist auch Ulrich Matschoss gestorben, der den Kriminalrat Königsberg gespielt hat.

Vom harten Kern übrig sind Schimanski und Hänschen, den sie sich damals von der holländischen Polizei ausgeliehen hatten und der einfach blieb; Chiem van Houweninge ist noch mal Hänschen in dieser Folge. Hänschen ist ein holländischer Ritter jetzt, Schimanski ein deutscher Rentner. Alles soll sein wie früher, nichts ist wie früher. Und jeder wird irgendwann von der Zeit vertrieben, sogar Schimanski. Das ist die Geschichte.

Schimanski - Loverboy, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.