Russland "Wie kann man an ein solches Land eine WM vergeben?"

Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt reist nun doch nicht zur Fußballweltmeisterschaft. Ein Gespräch über unberechenbare Risiken und seine alternativen Pläne.

Interview von Karoline Meta Beisel

Die Empörung war groß, als Mitte Mai bekannt wurde, dass Russland dem ARD-Doping-Experten Hajo Seppelt die Einreise zur Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft verweigern wollte: Er stehe auf einer Liste der im Land "unerwünschten Personen". Nach scharfer Kritik unter anderem durch die Bundesregierung, aber auch durch Organisationen wie "Reporter ohne Grenzen" bekam der Journalist nur wenige Tage später zwar doch noch ein Visum. Wegen schon damals bestehender Sicherheitsbedenken behielt sich der Sender aber vor, die Bedingungen einer Ausreise Seppelts erst genau prüfen zu wollen. In dieser Woche fiel nun die Entscheidung: Am späten Mittwochabend teilte die ARD mit, dass Seppelt nicht zur WM reisen werde. Am Telefon erklärt der Investigativjournalist die Hintergründe.

SZ: Herr Seppelt, wie kam es zu der Entscheidung, nun doch nicht nach Russland zu fahren?

Hajo Seppelt: Das ist eine Entscheidung, die die ARD-Verantwortlichen gemeinsam mit mir getroffen haben und der längere Konsultationen mit Stellen außerhalb der ARD vorangegangen sind. Wir hatten zuletzt ein gemeinsames Gespräch mit dem Außenminister, der uns die Lage erklärt und mit uns über die Erkenntnisse des Bundeskriminalamts gesprochen hat. Es gibt demnach erhebliche Sicherheitsbedenken, vor allem, was meine Vorladung zur Befragung beim Staatlichen Untersuchungskomitee angeht. Ich gehe zwar davon aus, dass ich da nur als Zeuge vernommen werden sollte, aber genau weiß man es eben nicht.

Ein Moskauer Gericht hatte schon vor Jahren geurteilt, dass die von der ARD-Doping-Redaktion veröffentlichten Fakten zum Staatsdoping nicht der Wahrheit entsprächen.

Das sahen zwar alle Institutionen und Ermittler außerhalb Russlands anders, aber das muss man bei der Bewertung der Gesamtsituation im Hinterkopf behalten. So hätte es zum Beispiel sein können, das wurde uns mitgeteilt, dass ich formal vom Zeugen zum Beschuldigten werde, sagte man uns. Verbunden mit allen Konsequenzen, die das dann in einem Verfahren in Russland haben kann.

Russland geht massiv gegen den Vorwurf des Staatsdopings vor.

Ja. Der frühere Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigori Rodschenkow, wird von Russland mit internationalem Haftbefehl gesucht und steht in den USA im Zeugenschutzprogramm. Auch die Whistleblower Witaly Stepanow und Julia Stepanowa leben an einem unbekannten Ort. Und ich bin für Russland die dritte anzugreifende Säule in dieser Causa. Deswegen bin ich offenbar für manche dort eine Art Staatsfeind.

Gab es noch andere Gründe für Sie, nicht nach Russland zu fliegen?

Es gab ein Restrisiko, so hieß es in der Analyse, dass selbstmotivierte Einzeltäter mich physisch attackieren. In Russland kennt man mein Gesicht. Für mich ist die ganze Affäre ein alarmierendes Zeichen, dass im Sportjournalismus eine freie Berichterstattung offenbar unter gewissen Umständen nicht mehr möglich ist. Ich stehe ja nur pars pro toto, die Botschaft richtet sich an alle Journalisten: Seid vorsichtig, berichtet nur vom grünen Rasen. Das betrifft nicht nur ausländische Journalisten. Was ist mit denen, die in Russland leben und kritisch über die Weltmeisterschaft berichten wollen?

Wären Sie trotzdem gerne gefahren?

Ich habe lange mit mir gerungen: Was setzt das für ein Zeichen, wenn man sich von solchen Dingen womöglich einschüchtern lässt und hinnimmt, dass freie Berichterstattung so eingeschränkt werden kann? Aber das andere Argument überwiegt: Ich wäre ja als Mitarbeiter der ARD dorthin gefahren, und für den Sender steht natürlich die Sicherheit der ARD-Reporter an allererster Stelle. Deshalb kann ich die Entscheidung nicht nur nachvollziehen, sondern trage sie voll mit.

Hat die Fifa auf Ihre Entscheidung schon reagiert?

Nein. Soweit ich weiß, hatten die sich vorab dafür eingesetzt, dass ich ein Visum bekomme und frei berichten kann. Aber wie kann man an ein solches Land überhaupt eine WM vergeben? Da stellen sich ganz viele Fragen, wie der Journalismus künftig mit dem organisierten Sport umgehen soll. Der Sportjournalismus muss erkennen, dass er hochpolitisch ist. Der Weltverband der Sportjournalisten hält sich zu der ganzen Geschichte übrigens auffällig bedeckt. Das spricht Bände.

Was machen Sie jetzt?

Ich arbeite weiter. In Russland wäre ich näher dran gewesen, aber die, die womöglich etwas zu verbergen haben, müssen nicht glauben, dass wir nicht trotzdem an Informationen kommen. Und das bezieht sich ja nicht allein auf Russland. Es gibt auch noch ganz andere Rechercheansätze, denen wir nachgehen. An der WM nehmen viele Länder teil. Das Absonderliche im Fall Russland ist aber: Wenn der WM-Gastgeber mit dem Thema souveräner umgehen würde, anstatt alles stets zu dementieren, was offen zutage liegt, dann hätte der Weltsport das Thema Staatsdoping in Russland vielleicht längst schon wieder abgehakt. Stattdessen inszeniert sich das Land als Opfer westlicher Propaganda, und wir sind die Feinde, die sie dabei auserkoren haben.