Russischer TV-Sender LifeNews Diener seines Herrn

Wenn Separatisten in der Ukraine Gebäude stürmen, dann ist der russische Sender LifeNews meist schon da. Das Verhältnis zu Putin gilt als eng. Nun wurden zwei Journalisten des Kanals von der ukrainischen Armee festgenommen - wegen "Unterstützung des Terrorismus durch Berichterstatter".

Von Julian Hans, Moskau

Dass Kriege von Informationskriegen begleitet werden, ist keine neue Erscheinung. Im Ukraine-Konflikt verschwimmen nun auch die Grenzen zwischen bewaffneten Kämpfern und solchen, zu deren Ausrüstung eigentlich nur Kugelschreiber und Kameras gehören. Im jüngsten Fall ist der russische Sender LifeNews in den Mittelpunkt gerückt.

Dessen Kameramann Marat Saitschenko und der Reporter Oleg Sidjakin waren am Sonntag um die Mittagszeit von der ukrainischen Armee an einem Checkpoint in der Nähe der Stadt Kramatorsk festgenommen worden. Sie konnten noch eine eilige SMS an die Redaktion absetzen: "Uns geht's schlecht." Später dann warfen ukrainische Sicherheitsbehörden Saitschenko und Sidjakin vor, sie seien nicht als Reporter im Land, sondern als Beteiligte. Die "sogenannten Journalisten" von LifeNews seien "das beste Beispiel für die Unterstützung des Terrorismus durch Berichterstatter", teilte die stellvertretende Sprecherin des ukrainischen Sicherheitsrates, Viktoria Sjumar, mit. Sie würden nicht nur Filmaufnahmen machen, sondern terroristische Gruppen beim Angriff auf ukrainische Soldaten begleiten. "De facto sind sie Teil einer Terrorgruppe."

Videos der LifeNews-Reporter nähren diesen Verdacht. Eine ihrer Aufnahmen zeigt, wie Aufständische aus einem Gebüsch feuern. Die Kamera filmt sie von hinten, aus dem Off ist zu hören, wie der Filmende den Kämpfern Kommandos zuruft. Der Sender steht zudem in dem Ruf, einen engen Draht zum russischen Geheimdienst zu haben. In der Vergangenheit hat er immer wieder kompromittierende Telefonate und Videos von Oppositionellen veröffentlicht, die die Dienste heimlich aufgenommen hatten. Als Edward Snowden noch komplett von der Außenwelt abgeschirmt wurde, erschienen erste Fotos, die ihn in Moskau zeigten, bei LifeNews.

Als ob sie vorher jemand bestellt hätte

Nach Darstellung der ukrainischen Ermittler transportierten die beiden einen Granatenwerfer im Kofferraum. Am Mittwoch erschien auf Youtube ein Video, auf dem Saitschenko gesteht, die beiden hätten sich in die Ukraine eingeschlichen, unter dem Vorwand, ein Konzert zu besuchen. "Wir haben alle Dokumente zu Hause gelassen, die auf unseren Beruf hinweisen", sagt Saitschenko, der dem Anschein nach unter Druck steht, in dem knapp drei Minuten dauernden Clip. "Wir wissen, dass wir das Gesetz dieses Landes verletzt haben, indem wir das wahre Ziel unseres Aufenthalts verschleiert haben."

Seit Bewaffnete im Osten der Ukraine Gebäude besetzen und eine "Volksrepublik" ausgerufen haben, ist die Region zu einem gefährlichen Gebiet für Journalisten geworden - bisher allerdings nie für solche des Senders LifeNews. Die bewegten sich in dem von prorussischen Kräften kontrollierten Orten sehr frei.

Es gibt noch mehr Hinweise darauf, dass das Verhältnis zwischen prorussischen Kämpfern und LifeNews sehr eng ist. Bisweilen sind die Reporter bereits vor Ort, bevor ein Gebäude von den Separatisten gestürmt wird - so als ob sie vorher jemand bestellt hätte. In einem Telefonat zwischen prorussischen Kämpfern, das der ukrainische Geheimdienst nach der Besetzung der Polizeistation in Slawjansk abgehört hatte, kündigt einer an, es komme gleich ein Anruf von LifeNews. Als die Separatisten in Slawjansk zwei Agenten des ukrainischen Geheimdienstes gefangen genommen hatten, wurden sie bis auf die Unterhosen ausgezogen und mit zugeklebten Augenpartien vorgeführt. Das Interview, das russische Journalisten mit den Geiseln führten, glich eher einem Verhör. In Russland ist die Festnahme der Journalisten gerade Top-Thema auf allen Kanälen. Putins Sprecher Dmitri Peskow forderte am Dienstag die sofortige Freilassung von Sidjakin und Saitschenko. Der Präsident selbst nannte die Anschuldigungen gegen die beiden "totalen Blödsinn". Das Außenministerium erklärte: "Der Kampf gegen unerwünschte Journalisten ist nicht die beste Art, um der Welt und dem ukrainischen Volk zu zeigen, dass die Führung in Kiew für Freiheit und Demokratie steht."

Allerdings war es auch Russlands Präsident selbst, der unlängst zur Vermischung von bewaffneten Kämpfern und Journalisten beigetragen hatte. Über 300 Redakteure und technische Mitarbeiter wurden von ihm für ihre "objektive Berichterstattung" über die Vorgänge, für "Verdienste um das Vaterland", ausgezeichnet.

Filme, für die die Autoren ins Gefängnis mussten

Einige haben ihre patriotische Pflicht offenbar überinterpretiert. Ein Korrespondent der Komsomolskaja Prawda rief Anfang der Woche die Separatisten dazu auf, den Bild-Reporter Paul Ronzheimer zu kidnappen, weil der negativ über das Referendum berichtet hatte. Später schrieb er auf Twitter: "Schade, dass sie ihn nicht erwischt haben." Es wäre nicht die erste Entführung von Journalisten in der Region gewesen. Im April wurde der Vice-Reporter Simon Ostrovsky von prorussischen Milizen in Slawjansk drei Tage lang gefangen gehalten. Auf der Halbinsel Krim nahm in der vergangenen Woche der russische Geheimdienst den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow fest. Ihm wird vorgeworfen, einen Anschlag vorbereitet zu haben. LifeNews hat unter russischen Journalisten keinen guten Ruf. "Seit sich Russland um sein Image in der Welt kümmert, wurden mehrere Organisationen gegründet, die sich dafür einsetzen sollen. LifeNews ist eine davon", sagt Alexej Simonow, der Leiter der Stiftung zur Verteidigung von Glasnost. Die englische Bezeichnung solle den Anschein von Weltoffenheit erwecken.

Er sieht LifeNews im allgemeinen Trend der vom Staat kontrollierten Medien: Die Verblödung des Landes gehört zu den Aufgaben der Medien. "Die Korrespondenten waren in einem von Banden kontrollierten Gebiet unterwegs. Als vor einer Woche der Korrespondent der oppositionellen Nowaja Gaseta in der Ostukraine entführt wurde, war das reines Kidnapping, die Entführer wollten Geld, um ihren Kampf zu finanzieren. Aber diese Korrespondenten wurden von offiziellen ukrainischen Sicherheitskräften festgenommen, ich sehe daher keine Gefahr für ihr Leben. Wie sie dort unterwegs waren, was sie getan und geplant haben, darüber ist zu wenig bekannt, das kann ich nicht beurteilen."

Trotz der Kritik an LifeNews haben sich auch Journalisten liberaler Medien in Russland der Forderung angeschlossen, die gefangenen Kollegen freizulassen, ebenso wie Reporter aus dem Westen. Vice-Reporter Ostrowsky twitterte: "Ukraine, lasst die LifeNews Reporter frei. Russland, lasst den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow frei. LifeNews, hört auf damit, Nachrichten zu fälschen. Deal?"