RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff 17 Longdrinks müssen her

Vollen Körpereinsatz zeigt RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff in seinem Experiment zum Thema Alkoholsucht, das den Reporter psychisch und physisch an seine Belastungsgrenze bringt, bis sogar der betreuende Arzt zum Abbruch des Versuchs rät.

(Foto: RTL)

Er tut sich Dinge an, die sich sonst kaum jemand zufügen würde: RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff hat schon einen Greis gemimt, dann eine schwangere Frau, nun hat er so viel gesoffen, dass sich sein Kameramann Sorgen machte. So einen möchte man fragen, ob er noch alle Latten am Zaun hat.

Von Hans Hoff

"Pein-lich, Jenke, du bist pein-lich." Freundin Mia kriegt sich kaum noch ein. Ihr Lebensgefährte Jenke von Wilmsdorff ist nur noch ein schlaffer Sack, stockbesoffen nach 17 Longdrinks auf der Feier zu seinem 47. Geburtstag. Im Off dieser Szene kommentiert die nüchterne Stimme des Komasäufers: "Mein Kameramann macht sich Sorgen."

Nicht nur der. Es fällt relativ leicht, sich Sorgen um diesen Mann zu machen, weil er sich als Redakteur und Reporter des RTL-Magazins Extra schon eine ganze Weile so vieles antut, was sich andere nicht einmal privat antun würden.

Er hat sehr lange sehr viel gegessen, hat danach heftig gehungert, und dann ist er auch noch auf einen Seelenverkäufer gestiegen, um mit nordafrikanischen Flüchtlingen die lebensgefährliche Fahrt übers Mittelmeer nach Lampedusa zu wagen. Und nun ist zu sehen, wie er säuft. Alles in Diensten von RTL. So einen möchte man sehr gerne mal fragen, ob er noch alle Latten am Zaun hat.

Auf einmal steht er da im Vorführraum der Extra-Redaktion und hält dem Besucher eine Art Weste entgegen. Er kommt von Dreharbeiten. "Jenke als Frau" lautet der Arbeitstitel. "Halten Sie mal", sagt er, und auf einmal hat man ein paar echte Pfunde in der Hand. Ein schwerer Babybauch ist in die Weste eingearbeitet, die der Mann, den alle nur Jenke nennen, eine ziemliche Weile getragen hat. Um mal zu sehen, wie das so ist, wenn man schwanger ist. Er wollte halt wissen, wie man sich so fühlt als Frau.

Solche Fragen stellen sich auch andere Journalisten. So ist Sven Kuntze für die ARD ins Altersheim gegangen, hat sich Ranga Yogeshwar für den WDR und die Wissenschaft fahruntüchtig getrunken, aber keiner geht mit derartiger Vehemenz auf die Suche nach Antworten wie Jenke.

Neugier, die in unangenehme Situationen führt

Für ihn scheint nur die volle Portion zu genügen. Also muss jetzt die Frage her, ob er sie noch alle hat. Jenke lacht sein Spätlausbubenlachen und zitiert seine Mutter. "Junge, warum machst du das?", fragt die immer wieder. "Ich bin halt von Neugier getrieben", antwortet dann der Sohn.

Die Neugier führt ihn auch in unangenehme Situationen. Weil seine Versuche im Magazin Extra so gut angekommen sind, bekommt er nun eine eigene Sendung: Das Jenke Experiment. In der ersten von vorläufig vier Folgen ist zu sehen, wie er knapp vier Wochen lang täglich Alkohol zu sich nimmt.

Es startet mit dem Absturz auf seiner Geburtstagsfeier im Oktober und endet mit einer missbrauchsbedingten Analvenenthrombose, die ihm das Sitzen schmerzhaft macht. "Das ist vergleichsweise harmlos", sagt der Proband in eigener Sache. Mehr als drei Monate ist sein geplanter Absturz nun her. Da lässt sich leicht scherzen. "Ich würde nichts machen, was mich dauerhaft schädigt", sagt er, und schnell hört man eine Betonung auf "dauerhaft" heraus.

Die Botschaft ist klar: Der Jenke kann was ab. Er hat Muskeln, er trägt einen Viertagebart, er ist der Typ sympathischer Draufgänger, den man sich ohne Weiteres auch als Bruce-Willis-Ersatz in Stirb langsam vorstellen könnte. Jenke regelt das. Jenke geht aufs Ganze und verlässt sich ein bisschen auch auf den Schutz durch seinen Arbeitgeber. "Der Sender würde mich abhalten", sagt er. Aber war diese Thrombose nicht schon eine sehr ernste Diagnose? "Das hat mich nicht geschädigt. Das hat mich beeinträchtigt", sagt er und behauptet, viel mehr Respekt vor Gefahren als andere zu haben. "Ich glaube nicht, dass ich so ein tollkühner Vogel bin, der jedes Risiko eingehen muss, um Geschichten zu erzählen."

Natürlich werden die Geschichten, die Jenke erzählt, von der Plattform eines Boulevardmagazins gestartet. Sie sollen unterhalten und aufklären - genau in der Reihenfolge.

Zumindest bei der ersten Folge der neuen Jenke-Reihe ist das gelungen. Der Namensgeber der Versuchsanordnung stellt nicht nur sich selbst und seinen Absturz ins tiefe Promilletal in den unterhaltenden Mittelpunkt, er berichtet auch sehr ernsthaft aus einer Suchtklinik, spricht mit Kindern von alkoholabhängigen Eltern und zeigt, zu welchen Behinderungen es führen kann, wenn Mütter während der Schwangerschaft trinken. Für RTL-Verhältnisse sind das schon sehr viele fundierte Informationen.

Nur einmal verursacht der Beitrag Bauchgrummeln. Als Jenke eine Elfjährige interviewt, die behindert zur Welt kam, weil ihre Mutter in der Schwangerschaft getrunken hat, ist das Kind klar zu sehen, nicht verpixelt wie die anderen Kinder. Die Frage stellt sich, ob ein Kind mit Behinderung entscheiden kann, so im Fernsehen aufzutauchen. In Jenkes Redaktion nimmt man solche Bedenken ernst. Man fragt noch mal bei der Mutter nach, ob das so seine Ordnung hat, und die Mutter, die wirkt, als wisse sie sehr wohl, was sie da tue, teilt mit, dass sie darin kein Problem sehe. Zu spüren ist der tatsächliche Versuch, etwas von Relevanz zu reportieren.

Jenke von Wilmsdorff hat das schon immer gehabt. Diesen innigen Wunsch, in die Welt hinauszugehen und etwas zu erleben. Reden allein ist ihm dabei nicht genug. "Mit den Leuten nur zu sprechen, reicht mir nicht. Ich möchte das vertiefen", sagt er. Schon mit 15 Jahren hat er das ausprobiert. Da ist er mit seinem Konfirmationsanzug in Bonn in einen Bus gestiegen und hat die Fahrausweise kontrolliert. So glaubwürdig wirkte er damals, dass der Busfahrer brav gewartet hat, bis Jenke mit seiner Kontrolle durch war und drei Schwarzfahrer erwischt hatte.

Weil er nicht wusste, was er werden sollte, hat er am Bonner Theater als Statist gejobbt. Später ist er dann auf eine Schauspielschule gegangen, hat beim Privatradio moderiert, Werbespots gedreht und ist wieder beim Bonner Theater gelandet. Große Rollen habe er von Anfang an gehabt, berichtet er. Aber alle vier Wochen eine Premiere, das sei ihm vorgekommen wie Fließbandarbeit, weshalb er sich 2000 ein Jahr Theaterpause verordnete und ein Jahr später prompt fest bei RTL landete.

Dort hat er nun einen Schreibtisch mit Rheinblick, und dort schaut er, was ihn an Themen reizen könnte und was gleichzeitig zum Extra-Magazin passt. Im Verkaufen seiner Themen muss Jenke sehr gut sein, denn schon in seiner Anfangsphase drehte er Extra einen Beitrag über Langhalsfrauen in Thailand an. Die sind eine Touristenattraktion, weil sie bis zu sechs Kilo schwere Ringe um den Hals tragen. Für Extra, wo man gerne mal zwischen Dschungelcampschicksalen und Puffberichten pendelt, war das eine ungewöhnliche, weil auf den ersten Blick wenig sensationelle Angelegenheit. Aber man ließ den Jenke auf Reisen gehen, und er schaffte es tatsächlich, eine der Langhalsfrauen zum Ablegen der Ringe zu bewegen.

"Zu hundert Prozent authentisch"

Natürlich stellt sich bei einem gelernten Schauspieler die Frage, wie echt das ist, was da auf dem Bildschirm zu sehen ist. "Die Teile, die ich zeige, sind zu hundert Prozent authentisch", sagt er. Natürlich gebe er viel Privates von sich preis. Aber das sei nun mal so. "Mir selbst ist nicht so wichtig, was andere über mich denken", sagt er. Hauptsache, die Menschen glaubten ihm. Er gelobt: "Mein Anspruch ist, wahrhaftig und ehrlich zu sein. Ich würde niemals eine Geschichte frisieren und dramaturgisch zuspitzen." Unwillkürlich blickt man sich in dem Moment um. Ja, es ist noch RTL. Aber es ist der Jenke.

Der spielt sein eigenes Spiel, und so wie er das macht, könnte man auch auf die Idee kommen, das wahre Jenke-Experiment baue auf der Frage auf, wie es so ist, als Reporter ein Dutzend Jahre für RTL zu arbeiten.

Das Alkoholexperiment hat er übrigens gut überstanden. Obwohl ihm ein Suchtberater vor drei Monaten geraten hat, mal sechs Monate nichts zu trinken, gönnt er sich wieder hier und da einen Drink. Die Botschaft ist klar: So einen wie den Jenke wirft so leicht nichts um. Da müssen schon 17 Longdrinks her.