Reporter in Syrien "Wir sollten einen aussuchen, der zuerst erschossen werden würde"

Der Auslandschef des amerikanischen Senders NBC kam am Dienstag nach fünf Tagen Entführung frei, doch Dutzende seiner Kollegen haben dieses Jahr nicht überlebt: Laut Jahresbilanz der "Reporter ohne Grenzen" ist Syrien auch für Journalisten einer der gefährlichsten Orte der Welt. Twitter, Facebook und Handy haben die Berichterstattung vereinfacht, aber sie haben auch das Risiko erhöht.

Von Sonja Zekri, Kairo

Richard Engel hatte Glück, aber das war während der Entführung natürlich noch nicht absehbar. Fünf Tage lang war der Auslandschef des amerikanischen Senders NBC mit Kollegen in den Händen seiner syrischen Kidnapper, an diesem Dienstag wurde er freigelassen. Nein, man habe sie nicht geschlagen, berichtet Engel, aber bedroht und psychologisch gequält: "Wir sollten einen aussuchen, der zuerst erschossen werden würde, und als wir ablehnten, taten sie so, als würden sie uns erschießen."

Engel vermutete, dass er und seine Männer von schiitischen Milizen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad entführt wurden. Einen Kämpfer der Rebellen, der sie geführt hatte, erschossen die Kidnapper auf der Stelle. Engel vermutet, dass er ausgetauscht werden sollte, gegen iranische und libanesische Gefangene der Rebellen. Als es an einem Kontrollpunkt der Aufständischen zu einem Kampf kam, starben zwei seiner Entführer. Engel und sein Team waren frei.

17 Journalisten, 44 Blogger und Bürgerjournalisten und vier Medienarbeiter haben es nicht geschafft. Sie starben in diesem Jahr in Syrien in einem Konflikt, den Reporter ohne Grenzen für einen der gefährlichsten Orte für Journalisten hält.

Auch Reporter des Regimes starben

Viele der ausländischen Journalisten starben, weil sie die mal mehr und mal weniger hartnäckige Informationsblockade des Regimes umgehen wollten, ohne Visum über die Grenze der Türkei oder des Libanon einreisten und damit in den Augen des Regimes ohnehin zur Gegenseite gehörten. Spätestens seit dem Tod der amerikanischen Journalistin Marie Colvin, die für die britische Sunday Times schrieb, und des französischen Fotografen Remi Ochlik im belagerten Baba Amr sind Journalisten im Visier der Regierungstruppen. Einer der besten der Branche - der US-Reporter Anthony Shadid - starb an einer Allergie gegen Pferde auf dem Rückweg in die Türkei.

Die Berichterstattung aus Syrien ist ein frustrierendes Flickwerk: Das Regime, die Kämpfe, aber auch die Rebellen schränken die Arbeit von Reportern ein. Es ist fast unmöglich, sich über weitere Strecken im Land zu bewegen - oder womöglich die Seiten zu wechseln. Auch Reporter des Regimes starben: Immer wieder verübten die Rebellen Anschläge auf regimetreue Sender.

Freiberufler strömen nach Syrien

Die enormen Verluste unter den Berichterstattern in Syrien beruhen aber auch auf einem Wandel in der gesamten Branche: Bürgerjournalisten und Blogger, von ausländischen NGO oder Regierungen oder auch syrischen Sponsoren mit Satellitentelefonen und Handykameras ausgerüstet, liefern Bilder und Berichte, auf die fast alle Medien der Welt zurückgreifen. Manche erleben einen kurzen Ruhm, ehe sie der Gewalt in Syrien zum Opfer fallen. Wie Maschar Tajjara, genannt "Omar, der Syrer", der im Februar in Homs von einer Granate getroffen wurde. Andere wurden verschleppt und gefoltert. Ihre Aufnahmen sind heldenhaft, ihre Ziele oft voller Idealismus, aber sind sie wirklich Journalisten? Nicht nur die syrische Regierung, sondern auch die Rebellen übertreiben, verschweigen, verdrehen die Tatsachen. Ihre Bürgerjournalisten werden einsilbig, wenn es um Menschenrechtverletzungen der Aufständischen geht, um Lynchmorde, um Folter von Gefangenen.

Twitter und Facebook, Handykameras und Satellitentelefone haben die Berichterstattung beschleunigt und vereinfacht, aber sie haben auch den Druck und das Risiko erhöht. Freiberufler strömen nach Syrien, verkaufen Geschichten und Fotos an große Medienanstalten - ohne große journalistische Erfahrung. Vor vier Monaten wurde der amerikanische Ex-Marine Austin Tice entführt, während er als Freiberufler für amerikanische Medien gearbeitet hatte. Die beiden Amerikaner William Gagan und Geofferey Shivley reisten nach Erfahrungen in der Computerbranche und als Student und Barmixer nach Syrien, um "die Wahrheit" herauszufinden. Gagan hatte zuvor über die Occupy-Bewegung berichtet und fand, das sei Training genug. Sie filmten einige Szenen und fuhren zurück in die Türkei.

Die getötete Journalistin Marie Colvin, die größte Vorbehalte vor ihrer letzten Reise nach Syrien hatte, wurde nicht nur vom Wunsch getrieben, aus der umkämpften Stadt zu berichten, sondern auch von der Sorge um ihre Zunft: "Wie kann ich dazu beitragen, dass mein Beruf überlebt in einer Welt, die ihn nicht zu schätzen weiß?", fragte sie einen Freund: "Ich habe das Gefühl, ich bin der letzte Reporter in der YouTube-Welt."