Zum Berufsbild des Sprechers gehört es, Vertrauen zu bilden. Auf allen Seiten. Das entwickelt sich langsam, ein Sprecher muss es sich erarbeiten. "Das Maß aller Dinge für einen Regierungssprecher" sei für ihn in diesem Punkt Bölling, hat Ulrich Wilhelm vor zwei Jahren in einem Gespräch mit der Zeit gesagt, und so sieht er es auch heute noch. "Meine Robustheit und Ihre Sensibilität sind eine symbiotische Beziehung", schrieb Schmidt seinem Sprecher 1982 zum Abschied. Bölling betrachtete Schmidt als älteren Bruder, der ihm weit überlegen war. Der freundliche Hanseat Schmidt hielt dieses "Bild für falsch". Pflichtbewusstsein und ideologiefreier Patriotismus zeichnete beide Herren aus.

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War es in Bonn leichter für einen Regierungssprecher oder ist es in Berlin einfacher? Über den Journalismus in der Bundeshauptstadt und in der Hauptstadt sind in den vergangenen Monaten diverse Bücher und Studien erschienen, und zumeist wird die alte Zeit idealisiert. Der Bonner Journalismus war vermutlich weit parteilicher orientiert, als es der Berliner Journalismus ist.

Es gab viel klebrige Nähe zur Macht, an komplizenhaften Verstrickungen zwischen Journalisten, Ministerialen und Politikern war schon aufgrund der engen räumlichen Verhältnisse in der kleinen Stadt am Rhein kein Mangel, aber die Abläufe waren ruhiger. Man hatte noch Zeit. Auch für mehr Gründlichkeit und Reflexion. "Wenn irgendetwas in der Provinz passierte, konnte es Tage dauern, bis es Bonn erreichte", sagt Wilhelm, der noch als junger Journalist Bleisatz gerochen hat. Heute sei alles sofort präsent, auch Geschichten aus dem Ausland.

Wenn alles sofort wichtig ist, ist nichts mehr wichtig. Selbst bedeutsame Themen überleben kaum die Wochenfrist - um zu verschwinden und neu etikettiert wieder aufzutauchen. Sowohl "das Wesentliche als auch das Unwesentliche" könnten "eine zerstörerische Wirkung haben", sagt Wilhelm. Jedes Ereignis müsse zunächst ernst genommen werden.

Bölling meint, es sei falsch, dass die Kanzlerin zu Themen, "die von zweit- und drittrangiger Bedeutung sind", selber vor die Kamera trete. Das führe zu einem "Abnützungsprozess". Der Sozialdemokrat, der zu Wilhelms Abschied kam, findet, ein Regierungssprecher habe es heute "ungleich schwerer als früher". Das liege auch am Medienpersonal, betont Bölling.

Die ahnungslosen Mikrofon-ins-Gesicht-Stoßer

Insbesondere jüngeren Fernsehleuten privater Sender fehle es nicht selten an politischer und geschichtlicher Bildung, um Abläufe einschätzen zu können. Die Medienlandschaft ist wirklich sehr bunt geworden, voller Trallala und Wichtigkeit und mit einer nie versiegenden Flut von Informationen. Früher wurden Journalisten oft getadelt, weil sie angeblich Dinge aus dem Zusammenhang gerissen hatten.

Heute sei das anders, hat Jürgen Leinemann, der große Reporter, mal geschrieben: "Zusammenhänge, aus denen sie etwas reißen können, sind ihnen nicht bekannt". Oft geben die frechen Mikrofon-ins-Gesicht-Stoßer, denen Tempo alles ist, den Ton an. Je schriller das Urteil, umso größer die Aufmerksamkeit.

Manche versinken im Bedeutungsrausch. Bei der Bundestagswahl 2005 verließen sich viele Medien auf falsche Prognosen und schätzten die Lage und die Stimmungen völlig verkehrt ein, um danach ohne Innehalten einfach weiterzumachen. Es gibt ein Rattenrennen um Nachrichten: Der Chefredakteur eines Wirtschaftsblattes hat neulich einen Bonus von 3000 Euro für denjenigen in der Redaktion ausgelobt, der im Jahr die meisten Geschichten in den Nachrichtenagenturen unterbringe. Top-Listen für Exklusives werden veröffentlicht.

Aber niemand kontrolliert, wie viele dieser Geschichten wirklich neu, wie viele recycelt, gesellschaftlich völlig unbedeutend oder schlicht falsch sind.

Der 24. Regierungssprecher, der Nachrichtenmann Seibert, wird am Mittwoch nicht nur die Schreibtischseite wechseln. Er wird eine ganz andere Welt kennen lernen. So ganz falsch ist es nicht, dass Finanzämter Journalisten gemeinsam mit den Schaustellern und Artisten veranlagen.

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  1. Sorgen Sie dafür, dass das aufhört!
  2. "Ein demokratischer Goebbels"
  3. Sie lesen jetzt Von Bonn nach Berlin
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(SZ vom 07.08.2010/rp)