Referendum in Katalonien "Die Wunde ist tiefer geworden"

Selbst konservative Zeitungen attestieren Spaniens Regierungschef Rajoy einen Mangel an Fingerspitzengefühl. Viele Blätter fordern einen neuen Dialog - doch es gibt auch den Ruf nach einer harten Hand. Pressestimmen zu Katalonien.

Die linksliberale spanische Zeitung El País ist keine Befürworterin der katalanischen Abspaltungsbemühungen. Dennoch kritisiert sie die Unfähigkeit des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, mit dem Konflikt angemessen umzugehen: "Ein politischer Führer ist vor allem jemand, der mit den Bürgern zu kommunizieren weiß, der es versteht zu erklären, was er macht und selbst seine schwierigsten Entscheidungen zu erklären vermag. Das ist bei Rajoy nicht der Fall, der - wenn er von einem so schwierigen Tag wie gestern Bericht erstatten muss - von einem vorhersehbaren und belanglosen Skript abliest, ohne jede Fähigkeit, eine Verbindung mit den Menschen herzustellen."

Auch der Schweizer Tages-Anzeiger attestiert Rajoy einen vollkommenen Mangel an Fingerspitzengefühl: "Kein Politikberater hätte das Drehbuch für die katalanische Sache besser schreiben können, als es die gestrigen Ereignisse in Barcelona und Umgebung taten: Behelmte Grenadiere der Guardia Civil prügelten vor den Abstimmungslokalen mit grosser Brutalität auf Menschen jeden Alters ein (...). Auf der anderen Seite zeigten die Bilder friedliche Sprechchöre ... und singende Menschenketten. (...) Madrid bestätigte unter konservativer Führung das Bild eines autoritären Staates, der unfähig ist, auf die Anliegen einer regionalen Minderheit einzugehen, der null Fingerspitzengefühl zeigt im Umgang mit einer anderen Kultur und der keine Vorstellung davon hat, wie sich politische Konflikte anders lösen lassen als mit Gerichten und Polizei."

Ein Land in Anspannung

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Die konservative spanische Zeitung El Mundo fordert hingegen, dass die Rajoy-Regierung nun mit aller Härte gegen die Separatisten in Barcelona vorgehen soll: "Angesichts des aktuellen Angriffs auf die legitime Ordnung und eines revolutionären Kontextes, der den Aufruf zum Generalstreik beinhaltet, darf die Regierung nicht weiter damit warten, Maßnahmen zu ergreifen, mit denen die Unabhängigkeitspläne schnell gestoppt werden können, inklusive der Umsetzung des Artikels 155 (der spanischen Verfassung) oder des Nationalen Sicherheitsgesetzes ... Die Regierung darf keine Minute mehr verlieren ..."

Der Berliner Tagesspiegel fordert einen Mediator, damit beide Seiten wieder miteinander sprechen: "An diesem Sonntag ist viel mehr verletzt worden als die Menschen, die die Gummigeschosse getroffen haben. Der Tag hinterlässt tiefe Wunden in der Seele einer zerrissenen Nation. Sie zu heilen wird schwer. Madrid und Barcelona brauchen dringend einen Moderator. Reden tut not, nicht drohen. Die EU sollte rasch Vermittlung anbieten, alle dort sind ihre Bürger."

Die italienische La Repubblica fordert Dialog von beiden Seiten: "Jetzt, wo die Urnen geschlossen oder beschlagnahmt sind, jetzt, wo sich die Rauchbomben auflösen und das Blut der Hunderten Verletzten auf den Bürgersteigen Barcelonas trocknet, stehen Katalonien und Spanien exakt dort, wo sie auch ohne den Gewaltausbruch gestanden hätten. (...) Es muss zwischen beiden Parteien nun zum Dialog kommen, den sie beide aus bloßem politischen Kalkül bisher verweigert haben. Aber die Wunde ist tiefer geworden. Und sie hat sich entzündet (...)."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung betont, wie schwierig es ist, nun wieder aus dem Konflikt herauszufinden: "Beide Seiten können nur schwer ohne Gesichtsverlust aus dieser Sackgasse herauskommen. In Spanien gibt es keine Instanz, die als Vermittler auftreten kann - und auch die EU kann das nicht tun. Sie kann und sollte nichts anderes tun, als der spanischen Regierung den Rücken zu stärken, da diese auf der Seite des Rechtsstaats steht. Alles andere wäre nicht nur eine Aufwertung von notorischen Rechtsbrechern - es würde auch ihre Glaubwürdigkeit in den Konflikten mit den Regierungen in Warschau, Budapest und Bukarest schwächen."

Der britische Guardian sieht die Vorgänge in Katalonien als Teil einer größeren, chaotischen und vielschichtigen Bewegung in Europa, in der immer mehr Regionen gegen den traditionellen, zentralistischen Staat aufbegehren könnten: "Kataloniens unerschrockene und verprügelte Wähler sind die Vorreiter einer neuen Bewegung in Europa, in der Identität radikal umdefiniert wird. Wenn Führer und Regierungen wie die von Rajoy sich starrköpfig und unflexibel zeigen und sich weigern, sich anzupassen, risikieren sie einen Bruch."

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