RTL-"Dschungelcamp" Alles nur Spaaahaß

Das Publikum ist dabei, mit Musik und in Nahaufnahme. Und sie natürlich auch: Daniel Hartwich und Sonja Zietlow, die Moderatoren der RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!".

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Einst als Unterschichtenformat gebrandmarkt, ist das "Dschungelcamp" in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Über ein Millionenpublikum, das Ironie als Rechtfertigung für den eigenen Voyeurismus vorschiebt.

Von Marc Felix Serrao

Machen Pornos süchtig? Woran erkennt man, dass man in einem Darkroom ist? Und wie schmeckt eigentlich Hoden? Die Themen, über die sich die Kandidaten der RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" unterhalten, wenn sie nicht über einander herziehen, sind so körperbetont wie eh und je, wie auch die Kameraführung in Deutschlands erfolgreichster Fernsehsendung. Der alkoholkranke Helmut Berger pinkelt ins Camp, der dicke Nordseebarde Klaus fasst Daniela Katzenbergers Mutter an den Po, der zeigefreudige Publikumsliebling Georgina spreizt im Liegen die Beine: Das Publikum ist dabei, mit Musik und in Nahaufnahme. In der Hinsicht ist die aktuelle, siebte Staffel ein exaktes Abziehbild ihrer Vorgänger. Gewandelt hat sich nur der Ruf der Show. Das allerdings gewaltig.

Wer sich in diesen Januartagen im Bekannten- und Kollegenkreis umhört, stellt zwei Dinge fest. Die Zahl von sieben Millionen Menschen, die abends um 22.15 Uhr RTL einschalten, um in Sachen "Dschungelcamp" mitreden zu können, ist offenbar wirklich keine Erfindung von RTL. Dafür gibt es zu viele und zu viele überraschende Bekenntnisse. Zudem gibt es, zweitens, kaum noch Leute, auch solche, die keine typischen RTL-Zuschauer sind, die ihre Anteilnahme nicht auch offen am Tresen oder an ihrer Facebook-Pinnwand bekennen würden. Das "Dschungelcamp", beim Sendestart 2004 noch als Unterschichten- und Ekelformat gebrandmarkt, ist endgültig gesellschaftsfähig geworden.

Ein Grund dafür ist sicherlich die Sendung selbst, vor allem die flott und selbstironisch geschriebenen Dialoge der Moderatoren, in denen sogar die taz eine "intellektuelle Herausforderung" erkannt hat. Doch die Ursache für den Erfolg liegt woanders. Sie hat etwas mit dem Humor der Hipsterkultur zu tun und mit dem Wandel des Begriffs "Prominenz".

Mitte November erschien in der Online-Ausgabe der New York Times ein Text mit dem Titel "How to Live Without Irony" (Wie man ohne Ironie lebt). Die Autorin Christy Wampole, eine junge Assistenzprofessorin der Universität Princeton, wurde dadurch auf einen Schlag bekannt, ihr Text tausendfach verlinkt und kommentiert, Letzteres in der Regel hämisch. Wampole erklärt darin die Ironie zum prägenden Ethos unserer Zeit und den Hipster zu ihrem Archetypen. Für die allermeisten Amerikaner, die in den 80er und 90er Jahren zur Welt kamen, vor allem hellhäutige Mittelstandskinder, sei Ironie der einzige Modus, mit Hilfe dessen sie ihr Leben noch bewältigen würden.

"Werbung, Politik, Fashion, Fernsehen: Fast jede Kategorie der heutigen Realität ist von diesem Willen zur Ironie durchdrungen", schreibt die Autorin; eine Feststellung, der die meisten ihrer Leser noch zustimmen konnten. Für Wampoles Schlussfolgerung galt das weniger. Wenn junge Menschen zu allen Bereichen des Lebens eine unbeteiligte und unernste Haltung einnähmen, sei das Ergebnis fatal, warnt sie. Statt echten Auseinandersetzungen gebe es nur noch eine trübe Suppe aus Popzitaten, Kitsch und Sarkasmus. Kurz: Leere.

In den USA wurde Wampole für ihren Text zerrupft. Die einen warfen ihr vor, das angebliche Elend der Ironie selbst mit Mitteln der Veralberung zu beschreiben. Wampole werde so zum ersten Opfer ihrer Attacke. Anderswo schrieb jemand, der Text könne unmöglich ernst gemeint sein. Die Autorin habe mit ihrer Radikalkritik sicher selbst nur einen Witz machen wollen und sei somit der subversivste aller Spaßvögel.