"Reader's Digest" beantragt Gläubigerschutz Anschluss an die Moderne verpasst

Aus heutiger Sicht war Reader's Digest in den fünfziger Jahren nichts anderes als gedrucktes Internet, ein "Newsfeed" oder eine "Huffington Post" für anständige Familien. Doch als das echte Internet kam, begann der Niedergang der Zeitschrift - jetzt beantragte sie Gläubigerschutz.

Von Nikolaus Piper; New York

Viele schöne Dinge kamen während der fünfziger Jahre aus Amerika in den deutschen Alltag: der Kaugummi, der Hula-Hoop-Reifen und ein buntes Heftchen, das beim Zahnarzt lag - Das Beste aus Reader's Digest. Das "Beste" bot nicht unbedingt das, wofür sich Halbwüchsige interessierten: Tipps für die Körperpflege, Rezepte, Geschichten über vorbildliche Familien und wie Gott in deren Leben eingriff.

Andererseits hatte das Heftchen etwas Weltläufiges, kamen doch die meisten Geschichten aus der weiten Welt, sprich: aus den USA. Sie stammten aus Zeitungen mit so phantastisch klingenden Namen wie Christian Science Monitor oder The Star Ledger. Aus heutiger Sicht war Reader's Digest nichts anderes als gedrucktes Internet, ein Newsfeed oder eine Huffington Post für anständige Familien.

Reader's Digest gibt es heute noch, aber die Institution hat riesige Probleme. Am Sonntag beantragte die Muttergesellschaft Reader's Digest Association (RDA) bei einem Gericht in White Plains Gläubigerschutz wegen Überschuldung.

Die internationalen Tochtergesellschaften sind nicht betroffen. Das Verfahren wurde mit den Gläubigern abgestimmt, am Ende soll Reader's Digest 90 Prozent der Schulden los sein. Das Management habe "ein ehrgeiziges, aber notwendiges Bündel von Maßnahmen eingeleitet, um das Kerngeschäft rund um die Kultmarken der Firma aufzubauen", erklärte Firmenchef Robert Guth.

Tatsächlich scheint die 91 Jahre alte Marke Reader's Digest auch heute noch genug Kraft haben, dass Anleger und Banken dafür Geld riskieren. Das hat sicher viel mit der Geschichte zu tun. Das Magazin spielt ein Stück amerikanische Identität.

Auflage kam an die Bibel heran

Seine Wurzeln liegen im Mittleren Westen. Gründer waren der Journalist DeWitt Wallace und dessen Frau, die Lehrerin Lila Wallace. Sie verschickten am 5. Februar 1922 erstmals per Post eine Zusammenschau von Zeitungsartikeln unter diesem Namen von Minneapolis aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte Wallace aus Reader's Digest ein globales Imperium. Zeitweise soll die Auflage des Magazins an die der Bibel herangekommen sein.

Wallace und seine Frau trafen den Zeitgeist der Fünfziger und frühen Sechziger: Sie waren ebenso konservativ wie antikommunistisch. 1990 ging das Magazin an die Börse, doch wenig später begann der Niedergang. Die Zeiten änderten sich, und das echte Internet tauchte auf.

Kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, 2007, übernahmen Investoren um die Private-Equity- Firma Ripplewoods Holdings für 1,6 Milliarden Dollar Reader's Digest. Die Schulden, die der Firma dabei aufgeladen wurden, waren aber offensichtlich zu viel. Schließlich musste man gleichzeitig massiv ins Digitale investieren. 2009 meldete Reader's Digest erstmals Konkurs an.

Drei Jahre später sagt Robert Guth: "Wir sind nicht die typische amerikanische Kultmarke, die durch den Übergang zur digitalen Welt bedroht wird". Was allerdings anders sein wird als 2009, war zunächst nicht zu erkennen.