Ramadan im britischen Fernsehen Bewusste Provokation

Während des muslimischen Fastenmonats Ramadan will der britische Fernsehsender Channel 4 täglich den Gebetsruf eines Muezzin ausstrahlen. PR, Alibipolitik oder guter Wille? Viele Briten jedenfalls sind empört.

Noch sind die Bilder von dem Attentat auf den britischen Soldaten Lee Rigby nicht vergessen, da regt der Fernsehsender "Channel 4" eine erneute Islam-Debatte an. Zum Ramadan, dem Fastenmonat der Muslime, will der Sender täglich den Gebetsruf eines Muezzin ausstrahlen. Das erste Gebet wird am Dienstag, dem 9. Juli, um drei Uhr morgens im Fernsehen übertragen. Die anderen vier Gebete des Tages, die von dem Musiker Hassen Rasool gesungen werden, sollen online abrufbar sein.

Der Programmdirektor des Senders, Ralph Lee, begründet den Entschluss mit dem stetig wachsenden Anteil der Muslime in Großbritannien. "Beinahe fünf Prozent der britischen Bevölkerung nehmen am Ramadan teil". Und weiter: "Können wir dasselbe von anderen Großereignissen wie dem Krönungsjubiläum der Queen auch behaupten?"

Landesweite Lautsprecheranlage

Lee erklärt weiter, dass die mehr als 2,8 Millionen Muslime im Land den Fastenmonat aktiv feiern würden. Trotzdem werde über den Ramadan kaum berichtet. Das Programm von Channel 4, das sich im Juli und August auch in anderen Formaten mit dem Alltag der Muslime beschäftigen soll, sei deshalb eine Chance für moderate Muslime, Gehör zu finden und ihre Lebenswelt im englischen TV berücksichtigt zu sehen.

In der Programmzeitschrift Radio Times schreibt Lee, dass Muslime im britischen Fernsehen typischerweise als Terroristen dargestellt würden. "Selbst wenn moderate Muslime gezeigt werden, dann nur, um einen Kontrapunkt zum Thema Terror zu illustrieren." Deshalb wolle der Sender mit der Ausstrahlung des Gebetsrufes zum Umdenken auffordern. "Der Gebetsruf auf Channel 4 wird wie eine landesweite Lautsprecheranlage funktionieren, eine bewusste Provokation für alle unsere Zuschauer", so Lee.

PR oder Alibipolitik?

Für seine Ankündigung erntet der Sender viel Kritik. Mitglieder verschiedener Parteien beschuldigten den Sender, die Übertragung des Muezzin lediglich zu nutzen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der konservative Abgeordnete Conor Burns etwa bezeichnete die Entscheidung von Channel 4 als Alibipolitik. Mehrere rechte Gruppierungen forderten ihre Mitglieder auf, das Programm von Channel 4 zu boykottieren.

Moderate Töne kamen von der britischen Gesellschaft zur Förderung der Säkularisierung. Terry Sanderson, der Präsident der Vereinigung, wies darauf hin, dass die Wünsche der wachsenden muslimischen Bevölkerung auch im Fernsehen berücksichtigt werden sollten. Trotzdem sei die Anzahl der Muslime in Großbritannien immer noch sehr gering, deshalb müsse man sich fragen, ob es bei der Entscheidung des Kanals bloß um PR gehe.