Pulitzer-Preis für Panama Papers "Es ist, wie eine Dinnerparty zu organisieren"

Das Team des ICIJ in Washington während der Bekanntgabe der Pulitzer-Preisträger. Rechts im Bild: SZ-Investigativreporter Bastian Obermayer.

(Foto: ICIJ)

Das Recherche-Konsortium ICIJ hat für die Panama Papers den Pulitzer-Preis gewonnen. Direktor Gerard Ryle über die Zusammenarbeit von 400 Journalisten, überwältigenden Enthusiasmus und große Knüller.

Interview von Kathleen Hildebrand

Den Pulitzer-Preis zu gewinnen, ist wahrscheinlich der Traum jedes US-Journalisten. In diesem Jahr wurde er auch Hunderten Nicht-Amerikanern verliehen, denn an den ausgezeichneten Panama Papers waren 400 Journalisten von sechs Kontinenten beteiligt, allen voran das Investigativteam der Süddeutschen Zeitung. Koordiniert wurde der immense Rechercheaufwand vom ICIJ in Washington, dem International Consortium of Investigative Journalists. Ein Gespräch mit dessen Direktor Gerard Ryle.

SZ.de: Herr Ryle, ich fange mit der klassischen Frage in solchen SItuationen an: Wo waren SIe und wie haben Sie reagiert, als Sie erfuhren, dass das ICIJ den Pulitzer-Preis gewonnen hat?

Gerard Ryle: Ich saß in einem Hotelzimmer hier in Amsterdam und habe den Kollegen in Washington zugesehen - wir hatten in unserem dortigen Büro eine Kamera aufgestellt für die Übertragung der Preis-Bekanntgabe und ich konnte mich dazuschalten. Natürlich war ich unglaublich aufgeregt, als die Gewinner vorgelesen wurden. Es war ein großartiger Augenblick - abgesehen davon, dass ich allein im Zimmer war, ohne eine Bar in der Nähe.

Sie hatten schon damit gerechnet zu gewinnen?

Natürlich haben wir es alle gehofft. Es ist ein großer Moment, wir haben in Amerika viele Preise für die Panama Papers gewonnen. Also haben wir gehofft, zumindest beachtet zu werden. Für den Fall, dass es passiert, wollten wir es nicht verpassen.

Teammitglieder des ICIJ, darunter die stellvertrende Direktorin des Instituts Marina Walker (in Rot) und SZ-Investigativreporter Bastian Obermayer (Mitte, mit Laptop).

(Foto: ICIJ)

Was haben Sie damals gedacht, als die Reporter der SZ auf Sie zukamen und sagten: Wir haben diese riesige Datenmenge geleakt bekommen und wir brauchen Ihre Hilfe?

Am Anfang war der Leak gar nicht so groß. Ich muss zugeben: Ich war erst einmal skeptisch. Derjenige, der am enthusiastischsten war und der am stärksten an die Geschichte glaubte, war Bastian (Obermayer, Anm. d. Red.). Er rief mich an und sagte, dass er Informationen habe. Ich habe mich wegen Mossack Fonseca dafür interessiert. Wir hatten die Firma schon eine Weile untersucht und wussten, dass das eine gute Geschichte sein könnte. Aber damals hatten wir nur eine Million Dateien (lacht). Ich muss selbst lachen, wenn ich "nur eine Million" sage, aber um ein großes internationales Kooperationsprojekt in Gang zu bekommen, braucht man wirklich viel Material. Journalisten sind ein ziemlich skeptisches Völkchen und für eine Million Dateien hätten sie sich kaum interessiert. Aber die Qualität des Materials war gut. Ich flog nach München und traf Bastian und Frederik (Obermaier, Anm. d. Red.). Mir wurde dann schnell klar, dass wir genug hatten, wofür sich andere Medienhäuser interessieren könnten. Und natürlich war der Enthusiasmus von Bastian und Frederik überwältigend.

Schließlich waren 400 Journalisten auf sechs Kontinenten an der Recherche beteiligt. Wie koordiniert man so eine Zahl von Leuten?

Man fängt klein an. Als erstes bin ich nach London geflogen und habe mich mit der BBC und dem Guardian getroffen. Die Leute dort waren sofort interessiert. Das war ein taktischer Zug. Ich wusste, dass es einfacher sein würde, andere Medien an Bord zu bekommen, wenn BBC, Guardian und Süddeutsche Zeitung dabei wären. Solche großen Rechercheprojekte zu managen ist ein bisschen wie die Organisation einer Familie: Man verlässt sich darauf, dass sich die älteren Kinder um die jüngeren kümmern. Die Journalisten, die schon einmal für uns gearbeitet hatten, haben die Neuzugänge eingearbeitet. Und Frederik und Bastian waren über die ganze Zeit hinweg so begeistert, dass auch das sehr geholfen hat.

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Wie haben Sie es geschafft, die Recherchen so lange geheim zu halten? Reicht es, wenn man allen sagt, dass sie nicht darüber sprechen dürfen?

Doch, das reicht. Aber man muss den Leuten auch einen Anreiz geben, damit sie nichts sagen. Das machen wir so: Wenn wir die Rechercheteams zusammenstellen, versuchen wir direkte Rivalitäten zwischen den Mitgliedern zu vermeiden. Wir bringen gern einen Fernseh- und einen Radiosender und eine Zeitung zusammen. Dann gibt es keine direkte Konkurrenz. Der Guardian und die BBC zum Beispiel ergänzen sich gut und konnten einander helfen. Aber es hat auch viel mit Vertrauen zu tun und damit, dass man die Leute kennt. Meine Stellvertreterin Marina Walker koordiniert das alles. Sie sagt immer: Es ist, wie eine Dinnerparty zu organisieren. Man überlegt, wen man gern dabei haben möchte. So arbeiten wir.