Privatfernsehen Wahlkampf in der neuen Welt

Stefan Raabs Show "Absolute Mehrheit" zeigt, wie eine Kombination aus jungem TV-Publikum und Berliner Politikbetrieb aussehen könnte

(Foto: Willi Weber/ProSieben)

Der politische Anspruch ist ein Versprechen, das vom Privatfernsehen bisher nicht eingelöst wurde. Jetzt rufen die privaten Sender zur "Programmoffensive" in Sachen Politik auf. Hier treffen zwei fremde Welten aufeinander.

Ein Kommentar von Claudia Tieschky

Auch das Privatfernsehen ist ein öffentlicher Ort. An diesem Ort macht Günther Jauch Millionäre; Frauentausch gilt dort als tolle Programmidee, und alle paar Tage wird jemand in einer Show zum Superstar oder Supermodel erklärt. Da könnte man es für eine ziemlich exzentrische Idee halten, dass dieses Privatfernsehen jetzt ausgerechnet die Politik als Thema ausruft und Pro Sieben sogar eine "Programmoffensive" ankündigt.

Besonders junge Leute und Nichtwähler will der Sender für die Bundestagswahl mobilisieren. Wo Zuschauer üblicherweise mit dem Claim "We love to entertain you" besäuselt werden, wirbt der TV-Konzern nun für eine "aktive Beteiligung an unserer Demokratie". Mit dem Aufruf "Geh wählen!" ist ausnahmsweise mal keine SMS-Abstimmung darüber gemeint, ob ein Castingkandidat in die nächste Runde vorrücken darf.

Nun gab es immer mal wieder die Behauptung, von jetzt an werde das Politische im Privat-TV viel, viel wichtiger. Besonders vor Bundestagswahlen gehört das zum Ritual, ohne dass davon auf Dauer viel bleibt. In Wirklichkeit ist der politische Anspruch das nie eingelöste Versprechen aus der Gründerzeit des Privatfernsehens: Vor 30 Jahren wünschte sich vor allem die Union den neuen Rundfunk als politischen Gegenpol zum angeblich roten öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Statt Politik gab's aber Tutti Frutti und Hans Meiser.

Große Chance für die Demokratie

Dass 2013 alles anders wird, ist unwahrscheinlich - und trotzdem: Politische Sendungen für Jungwähler im Privatfernsehen sind eine große Chance für die Demokratie. Nur ist diese Chance bisher vor allem großartig vertan worden. Das schadet der Politik und es schadet der Gesellschaft: Bei RTL oder Sat 1 gibt es junge Zuschauer, die anderswo kaum noch für die Debatten der Demokratie zu erreichen sind; schon gar nicht im komplett überalterten öffentlich-rechtlichen Fernsehen.