Presseschau zu Van der Bellens Sieg "Kein Anlass zur Entwarnung"

Landeszeitung (Lüneburg): Auch ein Sieg der EU

"Die Niederlage des Rechtspopulisten Hofer ist auch ein Sieg der EU. Denn die überraschend klare Wahl des Europa-Freundes Alexander Van der Bellen zeigt, dass Populismus doch nicht unaufhaltsam ist. Vielleicht war die Wahl Trumps jenseits des Atlantiks ein heilsamer Schock auch in Österreich. Ganz sicher aber konnte Van der Bellen mit seinem klaren Pro-Europa-Kurs punkten. Für 65 Prozent seiner Wähler war diese Einstellung das entscheidende Motiv für ihre Entscheidung. Oder, wie es Luxemburgs Außenminister Asselborn ausdrückt: Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit sind eben doch keine Fremdwörter bei Wahlen in der EU. Auf Van der Bellen wartet die schwere Aufgabe, die Risse im Land zu kitten. Er muss reaktionäre Kräfte im Land zähmen und Zögerer überzeugen. Er muss einen Weg der Vernunft, einen Weg zur Rückkehr zu politischer Normalität finden."

Weser-Kurier: Gradmesser

"Auf den Plakaten, die Alexander Van der Bellen als Bundespräsidenten bewarben stand "Wählen nicht Wundern". Norbert Hofer hatte im Wahlkampf angekündigt, man werde sich "schon noch wundern, was alles möglich ist", wenn er Präsident werde. Offenbar wollten die Österreicher dieses Experiment nicht eingehen, sondern den eingeschlagenen Weg weitergehen. Die Erleichterung in Wien ist riesengroß. Zuletzt hatten sich auch sämtliche Diplomaten, die um die außenpolitische Ausrichtung fürchteten, für Van der Bellen ins Zeug gelegt. Alle Parteien - außer natürlich die FPÖ - hatten sich hinter den ehemaligen Grünen-Chef gestellt. Und am Ende hatte Van der Bellen offenbar genützt, dass Hofer zuletzt so aggressiv und unstaatsmännisch agierte. Die Erleichterung, dass der Rechte nicht in die Hofburg zieht ist auch innerhalb der EU groß. Obwohl Österreich mit seinen achteinhalb Millionen Einwohnern nicht bedeutend ist, so ist doch die Stimmung in dem Staat, der politisch und kulturell zwischen West- und Osteuropas angesiedelt ist, ein Gradmesser für andere Gesellschaften. Die Wahl Van der Bellens nach dem Brexit und der Wahl von DonaldTrump zeigt, dass es möglich ist, den Trend, dass Rechte und Populisten gewinnen, aufzuhalten. Das könnte auch auf die Wahlen in Frankreich, Italien und Deutschland, die auf uns zukommen, ausstrahlen."

Hessische Niedersächsische Allgemeine: Flirt mit dem Öxit

Norbert Hofer, der selbsternannte Kandidat des Aufbruchs, scheint viele Unentschlossene mit seiner Maximalauslegung präsidentieller Machtinstrumente eher verschreckt zu haben. "Sie werden sich noch wundern" - diese sibyllinische Äußerung hat Hofer, wenngleich später zurückgenommen, wohl doch geschadet. Denn auch die von der Dauerlähmung der großen Koalition Genervten wollten sich nicht wundern. Kalkulierbare Risiken eingehen, das ja. Aber nicht zuletzt beim Flirt mit dem Öxit hat sich Hofers FPÖ für eine wenn auch knappe Mehrheit der Wahlberechtigten als unkalkulierbares Risiko geoutet.

Neue Osnabrücker Zeitung: Kein Anlass zur Entwarnung

Das ist gerade noch einmal gut gegangen: Nicht der Rechtspopulist Norbert Hofer, sondern der besonnene ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen hat die Präsidentenwahl in Österreich gewonnen. Erleichterung macht sich breit, zur Entwarnung besteht aber kein Anlass. Der EU bleibt nun zwar vorerst eine weitere Zerreißprobe erspart, denn Van der Bellen ist anders als Hofer ein überzeugter Europäer. Liberal und gemäßigt, ist er auf Ausgleich bedacht - und nicht auf Konfrontation. Die europäischen Probleme bleiben gleichwohl bestehen. Denn auch, wenn Hofer es nicht bis in die Wiener Hofburg geschafft hat, ist sein Abschneiden ein Signal. Die "Freiheitlichen" haben damit gezeigt: Mit ihnen ist zu rechnen, selbst wenn es um höchste Ämter geht.