Presseschau zu Bundespräsident Wulff "Das ist unterste Schublade"

"Stümperhaft", "stillos", "Niveau Berlusconi": Nahezu einstimmig rügen deutsche Medien Christian Wulffs Versuch, mit Drohungen unliebsame Berichterstattung zu stoppen. Viele Kommentatoren halten ihn als Staatsoberhaupt für nicht mehr tragbar - und erwarten, dass Kanzlerin Angela Merkel "ihren Präsidenten" fallen lässt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Auf dem Weg nach oben tanzen viele Politiker mit den bunten Blättern Walzer, gern auch bei zweiten Hochzeiten. Dann ist das Verhältnis noch ungebrochen. Was aber sollen 'die Medien' tun, wenn ein Politiker, sogar der Bundespräsident, ihnen später mit Scheidung droht, mit dem 'endgültigen Bruch'? Ihre Arbeit."

Stuttgarter Zeitung: "Mit jedem neuen Detail, das über die Amigo-Affäre des Bundespräsidenten ans Tageslicht kommt, wird es schwerer, Christian Wulff zu verstehen und was diesen Mann eigentlich umtreibt. Wulffs Verteidigungsstrategie erweckte von Anfang an den Verdacht, er bedauere und räume nur gerade das ein, was ohnehin nicht mehr zu leugnen ist. Sein Krisenmanagement ist stümperhaft, ja geradezu katastrophal. Es offenbart zudem ein höchst problematisches Amtsverständnis."

Südwest Presse (Ulm): "Wie lange muss sich Christian Wulff das noch antun? Einstweilen handelt es sich zwar weder um eine irreparable Beschädigung des Amtes noch gar um eine Staatskrise. Doch höchst unerquicklich ist die unendliche Angelegenheit allemal, für Wulff sowieso, aber zunehmend auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren erklärter Wunschkandidat der Niedersachse nach Horst Köhlers bis heute rätselhaftem Abgang war."

Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Essen): "Es wurde gewarnt, der Rücktritt des zweiten Bundespräsidenten in Folge käme einer Staatskrise gleich. Das ist falsch. Unsere Demokratie hat sich bislang gerade dann bewährt, wenn sie ihre Institutionen schützen musste. Darauf kann man bauen."

Mitteldeutsche Zeitung (Halle): "Dass Politiker Journalisten oder Verleger anrufen, um sich zu beschweren oder Berichte zu verhindern, ist schlimm genug! Damit zu leben, sind wir gewöhnt. Ein Staatsoberhaupt jedoch ist kein Raufbold im politischen Tageskampf. Er ist der Repräsentant unseres Gemeinwesens und seiner Werte. Gerade erst hat er die Pressefreiheit gepriesen. Und nun? Herr Wulff, haben Sie ein Einsehen - mit Rücksicht auf sich, ihre Familie und auf das Land, dem zu dienen Sie geschworen haben! Der Kampf ist vorbei."

Hannoversche Allgemeine Zeitung: "Ein Fehler lag schon darin, den Chefredakteur von Bild überhaupt nur anzurufen; so etwas tut ein Bundespräsident nicht. Ein zweiter Fehler lag darin, sich mit drohendem Ton auf einer Mobilbox zu verewigen. Zwar gehört immer eine zweite Stillosigkeit dazu, solche Dinge öffentlich zu machen. Doch die zweite Stillosigkeit macht die erste nicht besser."

Spiegel Online (Hamburg): "Wer mit der Bild-Zeitung 'im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten', hat Springer-Chef Mathias Döpfner vor fünf Jahren gesagt. Das bedeutet: So sehr die Bild-Zeitung ihren Teil dazu beigetragen hat, dass Wulff ganz oben angekommen ist, so sehr trägt sie nun ihren Teil dazu bei, dass er wieder unten ankommt. Dem Blatt zu drohen, wie es Wulff getan hat, ist dabei mit Sicherheit die schlechteste Strategie."

Mannheimer Morgen: "Mit Lippenbekenntnissen lobt Wulff die Presse- und Informationsfreiheit als 'hohes Gut'. Es ist jedoch unerträglich zu wissen, dass er in eigener Sache versucht hat, Journalisten daran zu hindern, mögliche Missstände aufzudecken. Hier hat er die Nerven verloren. Diese Entwicklung ist ein weiterer Beleg dafür, dass viele Politiker weniger durch den Fehler, dessen sie überführt wurden, Schaden nehmen als vielmehr durch ihre Art der Krisenbewältigung. Wulff ist zum Rätsel geworden, auf seine nächste Erklärung darf man gespannt sein."

Märkische Allgemeine (Potsdam): "Der Umgang Christian Wulffs mit den Vorwürfen, vor allem aber seine Intervention bei der Bild-Zeitung, werfen grundsätzliche Fragen auf. Kann jemand, der eine kritische Berichterstattung mit Beschimpfungen und der Androhung von strafrechtlichen Konsequenzen unterbinden will, jemals glaubwürdig über Pressefreiheit sprechen? Wie souverän ist ein Staatsoberhaupt, das gegenüber einem Chefredakteur von 'Krieg führen' spricht und davon, dass der Rubikon überschritten sei? Wie naiv ist es, das alles auch noch auf einer Mailbox zu hinterlassen? Es sind nicht die Medien, die das Amt beschädigen, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert es mit seiner Kritik angedeutet hat. Es ist die Art, wie Christian Wulff das Amt ausübt. Ihm fehlt, was der erste Mann im Staate nun mal braucht: Format."