Pressefreiheit in China Flucht aus Peking

Kein Durchgang für Berichterstatter: Ein chinesischer Polizist hält ausländische Reporter auf.

(Foto: Mark Ralston/AFP)
  • Repressalien müssen ausländische Journalisten in China schon lange erdulden. Nun verschärft sich die Lage.
  • Die China-Korrespondentin der Zeit, Angela Köckritz, hat das Land Hals über Kopf verlassen, nachdem ihre Assistentin inhaftiert wurde.
  • Journalisten werden als Provokateure beschuldigt und bedroht.
Von Kai Strittmatter, Peking

Dass ausländische Journalisten in China einen zwar spannenden, aber nicht einfachen Job haben, ist bekannt. Dass die Staatssicherheit ihre Telefone abhört, ihre Mails liest und ihre Wohnungen besucht, das nehmen die meisten Berichterstatter achselzuckend hin. Schon schwerer gewöhnt man sich daran, dass chinesische Assistenten regelmäßig verhört und manchmal bedroht und potenzielle Interviewpartner weggesperrt werden. Ganze Landesteile sind tabu. Mancherorts bedrängen einen bei der Recherche Zivilbeamte und Schläger. Aber auch das ist für viele Teil des Alltags. Nun aber kommt es zu Übergriffen, die es so früher nicht gegeben hat.

Ein Bericht des Auslandskorrespondentenvereins FCCC vom Dezember listet eine Reihe solcher Fälle auf, darunter den eines Agenturreporters, den Polizisten stundenlang an einen Metallstuhl ketteten, nachdem er versucht hatte, beim Pekinger Petitionsamt Bittsteller zu interviewen. Aktuellstes Beispiel ist der Fall der China-Korrespondentin der Zeit , Angela Köckritz, und ihrer Assistentin Zhang Miao.

Entführungen von Journalisten nehmen deutlich zu

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Korrekt muss es nun heißen: die ehemalige China-Korrespondentin. Angela Köckritz ist nicht mehr in Peking. Sie reiste im November Hals über Kopf nach Deutschland, verließ ihr Hofhaus im Glockenturm-Viertel, die Habe in ein halbes Dutzend Koffer gepackt, die Möbel schnell an ein paar Freunde verschenkt. Die Journalistin wollte weg aus China, so schnell wie möglich. Sie fühlte sich nach der Rückkehr von einer Hongkong-Recherche bedroht durch Chinas Sicherheitsbehörden. Die hatten zuvor schon ihre Assistentin Zhang Miao festgenommen, als sie - in ihrer Freizeit - unterwegs war zu einer Pekinger Dichterlesung für Hongkongs demonstrierende Studenten.

Helmut Schmidt versuchte, sich für die inhaftierte Assistentin starkzumachen

Die Zeit erscheint an diesem Donnerstag mit einem mehrseitigen Protokoll des Falls. Zuvor hatte Herausgeber Helmut Schmidt hinter den Kulissen wochenlang versucht, sich für die inhaftierte Assistentin starkzumachen. Vergebens. Angela Köckritz' Bericht trägt selbstkritische Züge, wenn sie etwa berichtet, dass die Zeit ihre Assistentin Zhang Miao nie offiziell beim chinesischen Außenministerium angemeldet hatte, auch, weil das so billiger war. Sie fühle sich schuldig, schreibt sie.

Vor allem aber gewährt er neue Einblicke ins Innenleben eines kafkaesken Rechtssystems. Etwa, wenn sie den Wachmann am Tor des Pekinger Gefängnisses schildert, von dem sich die verzweifelten Angehörigen Auskunft erhoffen, ob die verschwundene Zhang Miao sich dort befindet: "Ich könnte nachschauen, ob sie da ist", sagt er. "Doch es sind Ferien." Und das Tor schließt sich. Erstmals wird nun öffentlich, wie sehr die Staatssicherheit der Korrespondentin selbst zusetzte. Vier Tage lang wurde sie verhört. Am Anfang trug das noch Züge einer Posse: Plaudern über Philosophie und Reiterei; das bekannte Theater nach dem Prinzip "böser Bulle, guter Bulle"; die fürsorgliche Mahnung des Beamten, sie möge sich etwas Warmes anziehen: "Es gibt einen Wetterumschwung."

"Ein deutscher Pressevertreter" sei als Provokateur unterwegs gewesen

Schnell aber wurde es bedrohlich: Du bist nicht nur eine Journalistin, sondern "mehr", hieß es nun. Du selbst hast subversive Aktivitäten organisiert. Wir finden dich überall: "Glaub ja nicht, dass du mir entkommen kannst." Mit einem Mal sieht sich Köckritz gar mit dem Vorwurf konfrontiert, sie arbeite an der Spaltung Chinas, in Hongkong, in Xinjiang. Als Belege dienen Interviews, die die Zeit-Journalistin mit kritischen Geistern geführt hatte, mit dem uigurischen Professor Ilham Tohti etwa. Solche Interviews hat praktisch jeder Pekinger Korrespondent einmal gemacht. Die Agenten insinuieren, sie sei vielleicht eine Spionin, ein Agent Provocateur. Absurd? Absurd. Aber deshalb kaum weniger bedrohlich.

Die Verhaftung, die Verhöre, sie finden statt, während die "Occupy Central"-Bewegung in Hongkong demonstriert. Chinas Propagandablätter verbreiten Paranoia. Peking macht überall "feindliche ausländische Mächte" und "schwarze Hände" aus. Am Ende mag sogar der betreuende Diplomat von der deutschen Botschaft eine Festnahme der Journalistin nicht ausschließen. Angela Köckritz, die noch bis Mitte 2015 in China hatte bleiben wollen, möchte nur noch weg.

Als Phoenix TV - ein Hongkonger Sender mit besten Pekinger Kontakten - meldet, in Hongkong sei "ein deutscher Pressevertreter" als Provokateur unterwegs gewesen, da ist Angela Köckritz schon am Pekinger Flughafen. Deutsche Diplomaten begleiten sie. Keiner hält sie auf. Zurück bleibt ihre Assistentin Zhang Miao. Sie sitzt noch im Gefängnis. Weil sie an einer Dichterlesung teilnehmen wollte, die am Ende nicht mal stattfand.