Porträt Bester Boss

Diane Lockhart (Baranski) war sieben Staffeln lang eine Nebenfigur in The Good Wife - im Spin Off The Good Fight kommt sie groß raus, und darf noch einmal ganz neue Seiten entwickeln.

(Foto: Patrick Ecclesine/FOX)

Christine Baranski ist als souveräne Anwältin Diane Lockhart das Zentrum in "The Good Fight". Es ist die elegantere Version ihrer komödiantischen Rollen, in denen Frauen sich niemals entschuldigen.

Von Patrick Heidmann

Manchmal muss man einfach zu ungewöhnlichen Hilfsmitteln greifen! Diane Lockhart, ihres Zeichens gestandene Anwältin, die sich längst im wohlverdienten Ruhestand wähnte, findet es jedenfalls mehr als verlockend, als ein Barkeeper ihr ausgerechnet bei einer Beerdigung vom Microdosing erzählt. Ein paar Tropfen halluzinogener Substanzen im Drink - und schon nimmt man die Welt mit deutlich mehr Gelassenheit wahr. Genau danach sehnt sich Lockhart ein Jahr nach dem Amtsantritt von Donald Trump, dessen Irrsinns-Politik sie tagtäglich mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu im Fernsehen verfolgt. Die Welt, so erscheint es ihr, ist vollkommen aus den Fugen geraten. Aber irgendwie muss man sie sich ja erträglich machen.

Vor einer Woche startete auf Fox in Deutschland die zweite Staffel von The Good Fight, und es gehört zu den größten Vergnügen des laufenden Fernsehjahrs, Christine Baranski dabei zuzusehen, wie sie dieser Diane Lockhart noch einmal eine ganz neue Seite abgewinnt. Sie schaltet, wie es in der Serie von Robert und Michelle King heißt, in ihren "Scheißdrauf"-Modus angesichts des täglich neue Volten schlagenden Wahnsinns aus Washington, der immer handfester auch Einfluss auf die in Chicago zu verhandelnden Gerichtsfälle hat. Doch auch mit Microdosing, so zeigt es sich im Verlauf der 13 neuen Folgen, werden Lockhart und ihre überwiegend liberal gesinnten und afroamerikanischen Kanzlei-Kolleginnen und Kollegen dem gesellschaftspolitischen Klima in den USA (das hier unter anderem einen mörderischen Hass auf Anwälte befeuert) nicht unbedingt leichter Herr.

Baranski, die sich in ihrer politischen Gesinnung und dem erstaunten Entsetzen über Trump durchaus mit ihrer Rolle identifiziert, spielt Diane Lockhart bereits seit neun Jahren. Sieben Staffeln lang war sie eine zentrale Nebenfigur in der in Deutschland viel zu wenig beachteten (aber mittlerweile komplett auf Netflix verfügbaren) Serie The Good Wife. Sechs Mal wurde Baranski deswegen für den Emmy nominiert. Als es an die Planung eines Spin-offs ging, lag es - zur Freude der Schauspielerin - nahe, dafür die ebenso gebildete wie elegante und nicht zuletzt nervenstarke Anwältin Lockhart ins Zentrum zu rücken.

Schlagartig berühmt wurde sie mit Anfang 40 in "Cybill" - als vergnügungssüchtige Maryann

"Ich liebe diese Figur wie wenige sonst", schwärmt Baranski, die beim Interview in London fast wie ein Abbild ihrer Serienfigur wirkt: perfekt zurechtgemacht in Designer-Garderobe, auf verbindliche Weise herzlich, wohlüberlegt formulierend und herrlich laut lachend. "Einfach weil sie es jederzeit mit jedem aufnimmt, sich nie einschüchtern lässt und sich nie dafür entschuldigt, dass sie eine starke Frau ist. Gleichzeitig haben wir immer einen großen Bogen um Klischees gemacht. Sie war nie einfach nur der zickige Boss." Dass es damit in The Good Fight weitergeht, war also eine Selbstverständlichkeit: "Diese Rolle ist für mich als Schauspielerin einfach ein echter Glücksfall. Und es ist die große Freude des seriellen Erzählens, sie über einen so langen Zeitraum weiterentwickeln zu können. Im Kino oder auf der Bühne wäre so etwas schließlich undenkbar."

Derart exponiert im Scheinwerferlicht zu stehen, ist für Baranski trotz einer schon 40 Jahre dauernden Schauspielkarriere noch einigermaßen ungewohnt. Bislang spielte die New Yorkerin mit polnischen Vorfahren fast immer die zweite Geige. Ihre Bühnenrollen (zu denen Musicals genauso gehören wie klassische Dramen) brachten ihr zweimal den Tony Award ein, jeweils in der Kategorie der Nebendarstellerinnen. Im Kino reicht ihre Filmografie von 9 ½ Wochen über The Birdcage bis hin zu Mamma Mia. In der Fortsetzung Mamma Mia 2- Here We Go Again ist sie nun auch wieder mit von der Partie.

Fernsehgeschichte hat Baranski auch schon vor ihrer Rolle als Diane Lockhart geschrieben. Nicht als Mutter von Leonard in The Big Bang Theory, wo sie immer mal wieder in Gastauftritten auftaucht, sondern in einer anderen Sitcom von Chuck Lorre. In Cybill spielte sie Mitte der Neunzigerjahre die beste Freundin der Protagonistin: Maryann Thorpe war dank der Scheidung von einem Schönheitschirurgen reich geworden, vergnügungssüchtig, immer mit einem Martini in der Hand und immer ein Auge auf hübsche, junge Männer werfend. "Eine solche Frau hatte es im US-Fernsehen bis dahin nicht gegeben", erinnert sich die heute 66-jährige Baranski an die Rolle, die ihr ihren bis heute einzigen Emmy (bei 15 Nominierungen) sowie einen Preis der Schauspielergewerkschaft einbrachte. "In den Staaten war Maryann eine kleine Sensation. Und ebnete wahrscheinlich den Weg für vergleichbare Figuren, die danach kamen, zum Beispiel in Sex and the City oder Will & Grace. Oder auch meine Rolle in Mamma Mia."

Eine ernsthafte, intelligente Hauptrolle im Kino, das wäre noch so ein Traum

Um ein Haar aber hätte sie die Rolle damals gar nicht angenommen. "Ich hatte das Gefühl, nicht bereit für ein Fernsehengagement zu sein. Die Aussicht, nach Los Angeles ziehen und meine Kinder allein lassen zu müssen, behagte mir gar nicht. Und vor allem hatte ich Angst, meine Theaterkarriere in New York aufgeben zu müssen", sagt Baranski, die inzwischen zweifache Großmutter ist. "Doch dann habe ich mir einen Ruck gegeben, alle Zweifel beiseite geschoben - und wurde mit Anfang 40 plötzlich mehr oder weniger über Nacht berühmt. Wahrscheinlich eine der besten beruflichen Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Wer weiß, ob ich ohne Maryann heute hier sitzen würde." Was nicht heißt, dass Interesse bestünde an einer Neuauflage, wie sie dieser Tage gerade nostalgische Mode sind. "Diese fabelhafte Erinnerung sollten wir einfach unangetastet lassen", sagt sie und schüttelt beim Gedanken an ein Reboot den Kopf.

Mehr als 30 Jahre lang war Christine Baranski mit ihrem Kollegen Matthew Cowles verheiratet. 2014 starb er unerwartet an Herzversagen. Heute pendelt sie zwischen Manhattan und einem Seegrundstück in Connecticut. Und sie träumt immer noch davon, die ganze Bandbreite ihres Könnens auch mal auf der großen Leinwand zeigen zu können, vielleicht sogar als Hauptdarstellerin. "Eine Rolle in der Art, wie Helen Mirren wie sie spielt, das wäre schon was: anspruchsvoll, ernsthaft, intelligent." Wobei sie sich, wie sie gleich hinterherschiebt, nicht beschweren will: "Immerhin hatte ich als Nebendarstellerin schon dreimal das Vergnügen, mit Meryl Streep arbeiten zu dürfen. Wer kann das schon von sich behaupten?" Fürs Erste wird sie ohnehin erst einmal weiter als Diane Lockhart mit dem Irrsinn der Trump-Ära und womöglich auch der einen oder anderen halluzinogenen Mikrodose beschäftigt sein. Eine dritte Staffel von The Good Fight ist jedenfalls schon bestellt.

The Good Fight, Fox, immer dienstags, 21 Uhr.