Porträt Atemlos

Arte und sein neuer Programmdirektor Bernd Mütter stehen vor der Frage: Was für ein Fernsehen macht ein europäisch beseelter und bezahlter Sender, wenn der Rückhalt für dieses Europa schwindet?

Von Christoph Fuchs

Die Wände sind noch kahl, die Poster liegen eingerollt auf den Regalen im Büro von Bernd Mütter in Straßburg. Seit Jahresanfang ist er Programmdirektor von Arte. Atemlos, ja, das sei ein treffendes Wort für seine ersten Monate im Amt, sagt Mütter, viel unterwegs sei er gewesen. Arte ist kein hierarchischer Sender, den Mütter aus seinem Büro in Straßburg regieren kann. Es ist eher deutsch-französische Schwarmintelligenz an mehreren Standorten zwischen Paris und Mainz mit einem Hauptquartier in Straßburg. In gewisser Weise ist Arte auch, so könnte man das sagen, das Gegenteil des ZDF auf dem Lerchenberg, von dem Mütter kommt.

Ein Vierteljahr hat es jetzt gedauert, bis er mit allen die Ideen für die Zukunft des Senders diskutiert hat. Mütter ist 40 Jahre alt und der jüngste Programmdirektor in der Sendergeschichte von Arte, das mit SWR-Intendant Peter Boudgoust derzeit auch einen deutschen Präsidenten hat. Mütter folgte als Programmchef - wie es zur Wahrung des Gleichgewichts Brauch ist - als Deutscher auf einen Franzosen, den 62-jährigen Alain Le Diberder. Wenn der Nachfolger 22 Jahre jünger ist, dann schreibt sich seine Agenda üblicherweise von selbst, mit Satzbausteinen wie "fit machen fürs Digitale". Hier ist das anders. Das liegt zum einen daran, dass Le Diberder zwar nicht der Jüngste, aber sehr wohl der Digitalste im Sender war. Nach sechs Jahren als Senior Nerd hinterlässt er einen erfolgreich in Schuss gebrachten Onlineauftritt. Was Arte unter Mütters Führung zu einem interessanten Studienobjekt für die Fernsehzukunft im Allgemeinen macht: Wenn die Digitalplattform technisch auf allen Endgeräten gut funktioniert - wie muss man sie dann inhaltlich füllen, um die Zuschauer zu erreichen?

Der andere Grund, warum Mütters Amtszeit unter anderen Vorzeichen steht, ist das politische Klima - populistische Parteien stellen den europäischen Gedanken so sehr in Frage wie selten, seit die großen Europäer Helmut Kohl und François Mitterrand kurz nach dem Mauerfall den Anstoß zur Gründung des Senders gegeben haben. Wie reagiert nun also ein von Europa beseelter und bezahlter Sender (finanziert je zur Hälfte aus französischem und deutschem Rundfunkgeld), wenn die europäische Idee angegriffen wird?

Ein Großprojekt von Arte und dem SWR ist Krieg der Träume über die Zwischenkriegszeit, hier mit Joel Basman als Rudolf Höß.

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Es ist angesichts so grundlegender Fragen vielleicht ganz gut, dass Mütter nicht als Außenstehender ins Spitzenamt gewählt worden ist. Er ist ein Eigengewächs und kennt das Haus, 2011 kam er als Referent des Vizepräsidenten Gottfried Langenstein zu Arte. Verbunden ist Mütter dem Sender noch länger: Vater Historiker, Mutter Französischlehrerin. Als er 16 Jahre alt war, ließen die Eltern eine Satellitenschüssel aufs Dach montieren. Nicht, um endlich dieses Privatfernsehen empfangen zu können, das Mütter von Schulfreunden kannte. Sondern weil die Eltern 3sat und Arte sehen wollten, das kurz zuvor den Sendebetrieb aufgenommen hatte.

25 Jahre nachdem im Hause Mütter die ersten Arte-Filme auf VHS aufgezeichnet wurden, ist es nun Bernd Mütter, der dem Programm die Richtung vorgeben soll. Er bringt unter anderem sieben Jahre Erfahrung als Autor und Redakteur von Geschichtsdokus beim ZDF mit. Er dürfte sich gut aufgehoben fühlen bei seinem jetzigen Sender, dessen Dokuanteil im Programm bei 40 Prozent liegt. Mütter will das Genre weiter stärken, weil er glaubt, dass gerade die Doku heute besonders gefordert ist: "In diesen Zeiten, mit ihren anti-aufklärerischen Tendenzen, in denen die Wissenschaft angezweifelt wird und das Polarisierende stark ist, da ist das Dokumentarische wichtig."

Mütter will aber kein reiner Vertreter der Dokusparte sein. Die Poster, die in seinem Büro darauf warten, aufgehängt zu werden, sind von Kinofilmen und Serien, die Arte koproduziert hat. Auf dem Flur ist ein Plakat von Bad Banks zu sehen, der jüngsten, gemeinsam mit dem ZDF produzierten Fiction-Serie. Deren Erfolg gibt aus Mütters Sicht die Richtung für die Online-plattform vor: An den Klickzahlen sehe man nun endlich den fließenden Übergang zwischen Web und Fernsehen, von dem seit Jahren die Rede ist - die Leute fangen eine Serie in der Mediathek an, schauen im linearen Fernsehen weiter und hören online wieder auf. Bimedialisierung nennen sie das Zusammenspiel von Netz und Fernsehen bei Arte, und Mütter sagt, "es muss uns noch mehr gelingen, Programmmarken zu schaffen, die eine lineare und eine non-lineare Ausspielung haben".

Bernd Mütter, 40, studierte Geschichte, bevor er Autor und Redakteur beim ZDF wurde. 2011 kam er zu Arte. Dort ist er jetzt der jüngste Programmchef der Sendergeschichte.

(Foto: F. Maigrot)

Trotz seiner klaren Vorstellungen schätzt Mütter die Diskussion, das hat er mit seinem Vorgänger gemeinsam. Wo die Unterschiede liegen? Le Diberder, sagt einer, der beide erlebt hat, sei ein bisschen anarchischer gewesen, habe seine Ideen demjenigen erzählt, den er als ersten am Telefon hatte. Der Nachfolger sei da näher am Organigramm. Mütter möchte Arte europäisch weiterdenken. Inhalte sollen im Web auch in anderen Sprachen untertitelt sein, finanziert durch EU-Mittel. Ein englisches, spanisches und polnisches Untertitelangebot ist aufgebaut, im Juni kommt ein italienisches dazu, dann können 70 Prozent der EU-Bevölkerung Arte online in ihrer Muttersprache nutzen. Im Januar 2018 hat der Sender in den drei zusätzlichen Sprachen 800 000 Videoabrufe erreicht.

"Es besteht eine Nachfrage für eine europäische Plattform", sagt Mütter, "das, wofür Arte mal gegründet wurde, gibt es tatsächlich: dass die Europäer durch ein gemeinschaftliches Bewegtbildangebot in den Austausch kommen." Aber tut das wirklich ein relevanter Teil der Bevölkerung angesichts eines TV-Marktanteils von 1,1 Prozent in Deutschland 2017? Mütter entgegnet, der entscheidende Indikator sei für ihn die Reichweite. Sie erfasst die Zuschauer, die pro Woche 15 Minuten am Stück einen Sender sehen. Da liege man in Deutschland bei wöchentlich zehn Millionen Zuschauern, in Frankreich bei elf, er schließt daraus: "Wir sind kein Big Player, aber ein relevanter Player."

Seine nächsten Großprojekte: Die achtteilige Reihe Krieg der Träume 1918-1938 erzählt die Zeit zwischen den Weltkriegen anhand von dreizehn Menschen aus neun Nationen und ist eine internationale Koproduktion. Das soll auch 24h Europa werden, die Fortsetzung der Doku-Marathon-Reihe, die es unter Arte-Beteiligung bislang zu Berlin und Jerusalem gab. Und es gibt ein Kooperationsprojekt über das europäische Studentenaustauschprogramm Erasmus. Laut Mütter "vielleicht das erfolgreichste aller Europäisierungs-Tools". Es habe die Menschen zusammengebracht, Ehen und Kinder seien so entstanden. Mütter sagt das, und es liegt einige Begeisterung in seiner Stimme. Wenn Arte ebenfalls als Hilfsmittel für Europa wahrgenommen würde nach seiner Amtszeit, dann würde er sie wohl als geglückt bezeichnen.