Polizeiruf "Einer trage des anderen Last" Odyssee im Rotlichtmilieu

Der Kommissar ist eine Art neuer Schimanski - und dann ist da noch Maria Kwiatkowsky. Die Schauspielerin, die 2011 unter mysteriösen Umständen verstarb, zeigt in ihrer letzten Rolle noch einmal ihr ganzes Talent.

Von Gerald Kleffmann

Blass ist sie, knochig, die Augen gläsern, die Haare strähnig, als Schönheit gebiert sich Maria Kwiatkowsky sicher nicht. Sie spielt auch nicht die Hauptrolle, sie taucht auf, dann ist sie ewig nicht zu sehen, und doch ist sie nicht unscheinbar. Dieser Polizeiruf mit dem Titel "Einer trage des anderen Last" ist auf gewisse Weise ihr Film - natürlich.

Jeder, der noch einmal sehen möchte, über welche schauspielerischen Möglichkeiten diese Maria Kwiatkowsky verfügte, sollte am Sonntag um 20.15 Uhr die ARD einschalten.

(Foto: dapd)

Wenn besondere Künstler früh sterben, zumal unter mysteriösen Umständen, wird das, was sie geschaffen haben, in einem besonders intensiven Licht gesehen. Jeder, der noch einmal sehen möchte, über welche schauspielerischen Möglichkeiten diese Maria Kwiatkowsky (En Garde, Polar) verfügte, muss wohl am Sonntag um 20.15 Uhr die ARD einschalten. Dieser Film war der letzte vollendete der Berliner Schauspielerin, die im Juli 2011 im Alter von 26 Jahren verstarb.

Kwiatkowskys Biographie würde selbst ein intensives Drehbuch hergeben, sicher hatte ihre innere Zerrissenheit, die sie privat in heftige Turbulenzen gestürzt hatte, Einfluss auf ihre schauspielerische Gabe, es muss so gewesen sein. Was sie ihren Kollegen in der fünften Rostocker Polizeiruf-Ausgabe voraus hat, zeigt sie ganz beiläufig und irgendwie federleicht, trotz aller Tristesse ihrer Rolle.

Nicht die Überzeichnung einer Figur gibt dieser das Profil, sondern die Reduzierung. Effekthascherei hat noch jeder Darstellung geschadet, und daher ist es auch gut, dass sich der Hauptermittler Alexander Bukow - gespielt von dem als ernsthafter Schauspieler oft öffentlich unterschätzten Charly Hübner (Ladykracher) - Kwiatkowskys entschlackter Darstellung anzugleichen scheint. Einmal, fast am Ende, da haucht Hübner einem Verdächtigen nur ins Ohr, nichts anderes macht er. Stille folgt. Solche Momente bleiben hängen.

Anfangs muss Hübner eine Spur zu oft brüllen, seine Impulsivität, sein inneres Brodeln soll ja dokumentieren, welche Schuld ihn plagt und dass er eine Art neuer Schimanski ist, einer, der nicht bauernschlau ermittelt, dafür eben aus archaisch-prolliger Überzeugung. Anneke Kim Sarnau, eine feine, sensible Darstellerin, die sonst als Katrin König den ruhenden Gegenpol zu Hübner bildet, fällt diesmal aus und bleibt nur als Leitmotiv im Hintergrund.

Als ein Gefangenentransporter überfallen wird und Bukow und König zum Tatort eilen, wird König angeschossen. Sie verbringt den ganzen Film im künstlichen Koma, während Bukows Odyssee durchs Gefängnis- und Rotlichtmilieu führt: Er glaubt, seine Kollegin im Stich gelassen zu haben und will, ja muss die Täter stellen.

Maria Kwiatkowsky, die zweifelsohne auch eine würdige, weil komplexe Lisbeth Salander in Stieg Larssons Millennium-Triologie hergegeben hätte, spielt dann bei der Auflösung des Plots einen wichtigen Part. Es spricht für Regisseur Christian von Castelberg, dass er Kwiatkowsky so pointiert eingesetzt und, nebenbei, einen Film umgesetzt hat, der einmal kein soziales Brennpunkt-Thema zum Anlass seiner Geschichte nimmt - sondern einfach den Alltag von Polizisten in der Peripherie.

Polizeiruf 110, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.