Phänomen Lena Wichtiger als jeder Präsident

Ihre Rückkehr ist Spitzenmeldung der Tagesschau, das Öffentlich-Rechtliche und das Private schalten sich gleich, und ein Ministerpräsident eilt zur Gangway. So ist das, wenn Lena Meyer-Landrut einen Schlagerwettbewerb gewinnt.

Von Hans Hoff

Normalerweise ist die Tagesschau sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, den steinigen Pfad der reinen journalistischen Tugend zu verlassen. Immer wieder muss sich die Redaktion rechtfertigen, weil sie nicht über eine Entführung (Maria Bögerl) oder die Inhaftierung eines Prominenten (Jörg Kachelmann, der eigene Wettermann) berichtet.

Offensichtlich haben solche Anwürfe Früchte getragen - mit einer Sonderausgabe der Tagesschau hat die ARD am Sonntag, kurz vor 16 Uhr, Maßstäbe gesetzt. "Lena ist wieder da" lautete die Schlagzeile, die Susanne Holst als Spitzenmeldung verlas. Es ging um den simplen Umstand, dass die Gewinnerin des Eurovision Song Contest wieder auf deutschem Boden gelandet war. Danach wurde noch ein bisschen etwas erzählt von der Ölpest im Golf von Mexiko, bevor eine Schalte zurück zum Flughafen Hannover führte: Eine Reporterin berichtete, Lena Meyer-Landrut verharre immer noch am Flughafen und zeige sich immer wieder den wartenden Fans.

Es war eben der Tag eins nach der Sensation. Der Tag nach dem Triumph von Oslo. Er beschert in harter Zeit ein Sommermärchen, und das wollen die Deutschen genießen wie auch die Medien, die Lena gesucht und gefunden hatten. Schließlich war die 19-Jährige in einer Castingshow von ARD und Pro Sieben gekürt worden. Da nehmen sie sich das Recht, den Star vorzuführen wie Louis van Gaal die gewonnenen Pokale seines FC Bayern München. Folglich schob das Erste Sondersendungen ein und verlegte Anne Will um eine halbe Stunde. Vielleicht hätte Lena gleich die Talkshow übernehmen können.

Dass die Fans in Hannover warteten und warteten, war keine Überraschung für alle, die schon vor der Tagesschau die TV-Berichterstattung verfolgt hatten - die Rückkehr wurde schließlich live gezeigt. Von 15 Uhr war mitzuerleben, wie die Lufthansa-Maschine Eberswalde auf dem Flugfeld stand und sich ein Arbeiter auf einer heran geschobenen Gangway an der Tür des Fluggeräts zu schaffen machte. Minutenlang passierte - nichts.

Ein bisschen wirkte es wie die Berichterstattung von einer Geiselnahme, bei der man verzweifelt auf ein Zeichen der Gangster wartet. Aber es war nur die Sondermaschine, mit der Lena, Stefan Raab, NDR-Intendant Lutz Marmor und ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber zusammen mit Telearbeitern von ARD und Pro Sieben den Weg zwischen Oslo und der niedersächsischen Hauptstadt bewältigt hatten.

"Sie lässt sich ein bisschen Zeit", sagte die Moderatorin, und es klang ein bisschen verzweifelt. Wo war die Action? Immer wieder leitete die Regie auf den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, der gemeinsam mit den Moderatoren Matthias Opdenhövel und Sabine Heinrich auf den Beginn einer wie auch immer gearteten Sendung wartete. Der CDU-Politiker fror.

"So empfangen wir hier Präsidenten", witzelte Wulff und verwies auf den roten Teppich. Dann öffnete sich die Tür, und Spaßvogel Opdenhövel konnte es sich nicht verkneifen, die Aufblähung der Angelegenheit zu karikieren. "Die Queen kommt", sagte er, und dann stürmten die drei an die Gangway, um die Sangessiegerin Lena und ihren Entdecker Raab in Empfang zu nehmen. Lena trug ein schwarz-rot-goldenes Blumenbändchen ums Haar und bekam von Wulff einen Blumenstrauß und die besten Glückwünsche von Kanzlerin Merkel höchstselbst.

"Ich muss erst mal gucken", sagte Lena und wurde zu einem Polizeiwagen geführt. Von dort sprach sie über Megaphon ihre wartenden Fans an. "Ihr seid verrückt. Es regnet. Geht doch rein", rief sie, aber keiner bewegte sich. Alle blieben. Auch im Prominentenlager war fröhliches Herumstehen die Sportart der Minute. Meister Raab reichte dem Politprofi Wulff seine Privatkamera und ließ den Ministerpräsidenten ein Erinnerungsfoto von sich und Lena schießen.

Zu der Zeit hatte sich Pro Sieben ins Geschehen geschaltet. Eine Zeit lang übertrugen die ARD und der Privatsender parallel, eine wundervolle Annäherung zwischen Öffentlich-Rechtlich und Kommerziell. So lange, bis Pro Sieben wieder zum jäh unterbrochenen Jackie-Chan-Film zurückkehrt.

In der ARD lief noch einmal Lenas Oslo-Auftritt, und dann übernahm bald schon Hans-Hermann Gockel auf N24. Die Berliner Nachrichtenspezialisten beobachteten den Balkon des Hannoveraner Rathauses, als werde auf ihm gleich der neue Weltherrscher verkündet oder ersatzweise der Nachfolger von Angela Merkel. Zwischendrin gab es Kommentare von Deutschlands Immer-und-überall-alles-Sager Jo Groebel, dem personifizierten deutschen Digital-Institut, den manche für den Prototyp des Experten halten.

Um kurz nach 17 Uhr schalteten Pro Sieben und ARD wieder gleich. Früher haben bei Adelshochzeiten oder Beerdigungen gekrönter Häupter gerne ARD und ZDF so einen Parallelslalom hingelegt, jetzt tun es das Erste und die private Sieben. Auf dem Hannoveraner Trammplatz parodierte Stefan Raab die Prager Balkonrede des Hans-Dietrich Genscher ("Ich bin gekommen, um ihnen mitzuteilen...") und verkündete am Schluss Lenas Sieg.

Dann kam die Gewinnerin. Eben hatte sie sich ins Goldene Buch der Stadt eingetragen, nun stimmte sie spontan "Ich liebe deutsche Land" an, die von Raab lange beworbene alternative Nationalhymne, die in jede Menge Jubel mündete. Die Chance nutzte Moderator Opdenhövel, um seinem Chef kurz mal straflos einen mitzugeben. "Stefan, hast du dich in deinem Leben jemals schon so geliebt gefühlt, außer kurz nach deiner Geburt?"

Raab war sprachlos. Dann fing er sich und erzählte davon, dass die Europameisterschaft im Singen doch 2011 in Deutschland stattfinde und er bereits spezielle Pläne habe. "Ich halte es für durchaus angemessen, wenn die Siegerin den Titel verteidigt", sagte er und setzte damit bereits die Kandidatin. Lenas Einverständnis hat er auf jeden Fall. "Aber sichi", sagte sie in der ihr eigenen Art. Man darf gespannt sein, was die anderen Beteiligten am Verfahren tun werden, um die beiden von ihrer durchaus ernst gemeinten Idee abzubringen.

Später sang Lena dann noch einmal Satellite. "Wer nicht mitsingt, kriegt aufn Arsch", drohte sie den Zehntausenden vor der Bühne. Es soll gewaltfrei geblieben sein.

Lena empfangen wie ein Staatsgast

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