"Patchwork Family" auf Sat 1 Wie es keift und zetert

Die Soap Patchwork Family läuft nun in Sat 1.

(Foto: obs)

Mit der neuen Soap "Patchwork Family" hat der Krisensender Sat 1 große Hoffnungen verbunden. Doch der Randberliner Alltag nach Drehbuch ist eine eher plumpe Variante des US-Erfolgs "Modern Family". Das Quotenwunder ist bisher ausgeblieben.

Von Anja Perkuhn

Sie keift und zetert und berlinert, die Hoffnung von Sat 1. Seit einer Woche lässt der Münchner Privatsender eine zusammengewürfelte Großfamilie in der Serie Patchwork Family werktags von 18 Uhr an ihre Beziehungsprobleme austragen - wenn zum Beispiel Nele ins Bad will, aber Michelle es einfach so blockiert. Der Auftrag der Soap war die Rückgewinnung der verlorenen Lieblingsschäfchen für den Vorabend, der für Privatsender so wichtigen Zuschauer im Alter zwischen 14 bis 49 Jahren.

Die Patchwork Family keift und zetert aber nicht nur, sondern sie humpelt auch. Die erste Folge schauten immerhin noch 1,39 Millionen Zuschauer - auch das war nur eine mäßige Quote (6,4 Prozent). Doch über die Woche rutschten die Zahlen immer tiefer, am Freitag waren es nur noch 330.000 Zuschauer. "Wir sind verhalten zufrieden", heißt es von Sat 1. "Uns war von Anfang an klar, dass es nicht leicht sein wird, die Zuschauer aus dem Stand für ein neues serielles Format am Vorabend zu gewinnen."

Sat 1 ist ein Sender in der Quotenkrise, nicht nur am frühen Abend, und man liegt sicher nicht falsch mit der Behauptung, dass mit Patchwork Family einige sehr große Hoffnungen verbunden sind. Nun hat sich Sat 1 mit der neuen Daily Soap an das Mockumentary-Format herangewagt, an den fiktionalen Dokumentarfilm, und sich dabei nicht ein neues Konzept dafür überlegt, sondern die fetttriefenden Burger der Konkurrenz nachgekocht: Bei RTL 2 funktionieren die gescripteten Wohngemeinschaftsserien Berlin - Tag & Nacht und neuerdings dessen Abkömmling Köln 50667 wunderbar, auch das Prinzip, Laiendarsteller anstelle von ausgebildeten Schauspielern anzustellen, also wurde beides flugs übernommen. Die Produktionsfirma Filmpool - die auch die beiden RTL 2-Formate produziert - setzt bei Patchwork Family ebenfalls auf das Haudrauf-Prinzip.

Die große Patchwork Familie

In einem gemieteten Randberliner Einfamilienhaus wohnen in Patchwork Family die ordnungsliebende Polizistin Christina und der kumpelige Fahrlehrer Michael ganz frisch zusammen, und beide haben ihre Kinder aus früheren Beziehungen mitgebracht in das neue Leben unter einem Dach, jeweils vier. Eine der beiden Schwestern von Christina zog schon in der ersten Folge spontan mit ihrer fünfköpfigen Familie in einen Wohnwagen auf den Rasen hinterm Haus, natürlich gibt es weitere Onkel und Tanten, und die Eltern von Christina und Michael sind sorgsam ausgewählt als Ruhestörer: ein Schrebergärtnerpärchen. Eines, bei dem sowohl Mann als auch Frau lange, schwarz gefärbte Haare tragen - sie, weil sie eine alternde Operndiva ist, er, weil er ein alternder Playboy ist.

Die offizielle Übersichtskarte der Charaktere ist ein vortreffliches Klischeebingo-Spielfeld, es hagelt mehr Herzen als an der Supermarktkasse: Sat 1 präsentiert Christinas Schwester Doro als die "Peggy Bundy mit Herz", ihren Mann Holger als "Chaoten mit Herz", und in der Kinderwildnis gibt es noch "die zu kurz gekommene Tussi mit Herz", Louisa, die nach dem Motto "Ich seh' gut aus und weiß das auch einzusetzen" agiert. Die kräftigere Zwillingsschwester des Seriensonnyboys mit Föhnfrisur ("der streberhafte Player") wird als der "dicke Kumpel" vorgestellt. Zwei Wörter müssen reichen, das Konfliktpotenzial wird sofort klar; durch Subtilität fällt Patchwork Family nicht auf.

Die Soap ist ein schwer liebbares Zwitterwesen aus den beiden RTL 2-Erfolgsserien, mit dem holzigen Charme von Laienschauspielerei und Wackelkameras, und der smarten Serie Modern Family des amerikanischen Senders ABC. An deren Erzählstil und Figurenkonstellation hat sich Sat 1 großzügig, aber merkwürdig selektiv bedient: In Modern Family, das seit April 2012 auf dem Spartensender RTL Nitro läuft, gibt es auch die neurotische Familienmama, den tapsigen Papa und die Kinderschar dazu, das schwule Pärchen, bei dem sich der füllige, extrovertierte Partner und der rothaarige Kontrollfreak wunderbar ergänzen, den ergrauten Patriarchen, gespielt von Ed O'Neill, der schon in Eine schrecklich nette Familie als Al Bundy am Leben verzweifelte und immer wieder sich wundernd den Kopf schüttelt.

Doch in Patchwork Family sind die Figuren überzeichnet und plump, was sie in diesem und in jenem Leben eint, sind bestenfalls Frisur und Kleidungsstil und die Tatsache, dass sie für den Doku-Charakter ihrer jeweiligen Fake-Doku immer wieder auf einem Sofa sitzen und in die Kamera sprechen. Qualitativ sind die Serien einander etwa so nahe wie das feine, bunte Kissen auf dem Sofa den Schlappen darunter.

Sat 1 will die Sendung weiter auf dem Sendeplatz am frühen Abend lassen. "Wir glauben daran, dass die Zuschauer Patchwork Family für sich entdecken werden". Was soll man auch sagen.