"Pastewka" bei Amazon Sind wir nicht alle ein bisschen Pastewka?

Bastian Pastewka (rechts) spielt Bastian Pastewka, der als Sidekick (Mitte) in einer fiktiven Show von Annette Frier mitspielt - richtig viel Spaß hat Pastewka, also der fiktive, dabei allerdings nicht.

(Foto: Amazon Prime Video/dpa)

"Pastewka" ist zurück. Und die erste deutsche Serie, die vom TV zu einem Streamingdienst umzieht. Über eine Sitcom in der Midlife-Krise.

Von David Denk

Der Typ mit dem fernsehbekannten Unschuldsgesicht sieht etwas mitgenommen aus. Wäre man Polizist, würde man ihn wohl rauswinken und auf Alkohol testen. Oder Drogen. Eher Drogen. Die Haare struppig, der Blick derangiert sitzt er am Steuer eines Trumms von Wohnmobil, das für einen Mann in seinem Zustand mindestens eine Nummer zu groß wirkt. Als er parkt und aussteigt, fällt auf, dass Hemd und Hose dafür mindestens eine Nummer zu klein sind. Was ist bloß los mit Bastian Pastewka?

Köln, im August 2017: An der Kastanienallee im Villenviertel Marienburg entstehen Außenaufnahmen für die achte Staffel der Sitcom Pastewka. Um den echten Bastian Pastewka muss man sich keine Sorgen machen, es ist sein Serien-Alter-Ego, das am Rad dreht. "Ich bin jetzt 45", sagt er, "das perfekte Alter also für eine waschechte Midlife-Krise." Andere kaufen sich da einen Porsche, Saab-Fahrer Pastewka klaut in der Serie ein Wohnmobil, um aus seiner traurigen Existenz als Sidekick in der Sitcom Frier auszubrechen und in die Eifel zu türmen. Zumindest ist es das, was Pastewka, also der echte, über die jüngsten Entwicklungen im Leben seiner fiktiven Parallelexistenz erzählt, die ihn nun schon 13 Jahre begleitet.

Pastewkas Serienfigur ist so, wie keiner sein will, aber die meisten manchmal sind

Die achte Staffel ist zugleich ein Neustart, denn sie ist nicht mehr bei Sat 1 zu sehen, wo die Serie seit 2005 zu Hause war, sondern zunächst ausschließlich bei Amazon Prime Video. Damit ist Pastewka die erste deutsche Serie, die aus der alten in die neue Fernsehwelt umzieht, Deutschland 83 wechselt für seine zweite Staffel demnächst von RTL ebenfalls zu Amazon.

Böses Blut mit Sat 1 gebe es nicht, sagt Produzent Tobi Baumann, Pastewka habe schlicht nicht mehr in das veränderte Programm des Senders gepasst. Eigenproduktionen kommen dort kaum noch vor. Dann schwärmt Baumann von Amazon: "Es ist einfach schön, mit den Partnern zusammenzuarbeiten, mit denen momentan alle zusammenarbeiten wollen", und schränkt gleich ein, dass kein gar so großer Vertrauensvorschuss vonnöten gewesen sei, weil die Marke Pastewka schließlich "bekannt und gemocht" sei. Daran hat Baumann als früherer Regisseur einen nicht unwesentlichen Anteil. Im Sinne seines Arbeitgebers Brainpool erhofft er sich über Pastewka hinaus, dass neben der High-End-Drama-Serie "bei einem Anbieter wie Amazon auch weiter in solche etwas breiter angelegte Produktionen investiert wird".

Pastewka hatte bei Amazon auch deswegen gute Karten, weil Video-Chef Christoph Schneider samt Familie bekennender Fan der Serie ist, die er im "besten Sinne mainstreamig" nennt. "Wir glauben, dass Pastewka das Zeug hat, über Generationen hinweg ein sehr breites Publikum anzusprechen." Insbesondere bei älteren Zuschauern sieht Schneider für seinen Dienst Nachholbedarf. Dabei soll Pastewka helfen, als "populärer Künstler, der für Wiedererkennbarkeit und Nähe steht". Dass Pastewka zuvor bei Sat 1 lief, ist für Schneider kein Makel - im Gegenteil: Er spricht von der "günstigen Gelegenheit, ein Format, das im Free-TV zuletzt in der Luft hing, übernehmen zu können". Die Serie hat viele Fans, die Schneider zu Amazon-Prime-Kunden machen möchte. Pastewka könne dabei "den letzten Anstoß geben", hofft er.

"Läuft mal wieder" steht auf den Plakaten, mit denen Amazon für die neue Staffel Pastewka wirbt - was den Liebesentzug durch Sat 1 und die Lebenskrise der Hauptfigur pointiert zusammenführt. Seit diesem Freitag sind alle zehn Folgen online abrufbar - mit der Plattform verändert sich die Darreichungsform, was wiederum Auswirkungen auf die Erzählweise hat: "Früher haben wir Bücher geschrieben und die lustigste Folge am Anfang der Staffel platziert, die zweitlustigste am Ende und alle anderen dazwischen gemischt", sagt Bastian Pastewka. "In der neuen Staffel versuchen wir uns zum ersten Mal am horizontalen Erzählen einer Geschichte von A bis Z." Produzent Baumann ergänzt: "Wir haben die Chance genutzt, vom 'Abenteuer der Woche', wie Bastian das immer so schön genannt hat, wegzukommen." Es gebe einen Bogen bis zu einem richtigen Staffelfinale, sogar mit Cliffhanger, und auch eine Weiterentwicklung der Figur, "was auch damit zu tun hat, dass der Schauspieler Bastian durch Projekte wie Morgen hör ich auf gereift ist". In der ZDF-Miniserie spielte er 2016 einen verschuldeten Druckereibesitzer, der in die Falschgeldproduktion einsteigt und damit mehr Probleme schafft als löst.

Als Pastewka mit Pastewka anfing, war er Anfang 30 und zehrte noch von der Bekanntheit aus der Sat 1-Sketch-Comedy Die Wochenshow. Wenn er nun sagt, "in frühen Folgen erkenne ich mich gar nicht", ist das ein Scherz mit wahrem Kern. Pastewka hat sich verändert - und möchte verständlicherweise, dass sich das auch in der Serie widerspiegelt. Gemeinsam mit Routinier Sascha Albrecht ist er als "Headwriter" zum ersten Mal auch für die Drehbücher verantwortlich. "Auf jeden Fall erwachsener und ein bisschen dramatischer" seien die neuen Folgen. Und doch sei "die sehr spezifische Welt von Pastewka" den Fans auf Anhieb vertraut. Das bewährte Ensemble und Dauergäste wie Comedy-Kollegin Annette Frier sind auch bei Amazon dabei. Pastewka: "Alle, die noch das Ende der siebten Staffel im Kopf haben, können die achte Staffel sehr sehr leicht verstehen, weil sie daran anknüpft."

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In der ersten Folge gibt das Leben dem Serien-Pastewka mal wieder kistenweise Zitronen, beziehungsweise: Sie liegen rum und er greift beherzt zu. Und macht, um im Bild zu bleiben, nicht etwa Limonade draus, sondern Zitronen-Matsche. Der Schlamassel gipfelt darin, dass er sich - so viel Spoiler muss sein - aus Versehen von Dauerfreundin Anne (Sonsee Neu) trennt. So was schafft nur Pastewka - oder? Pastewka vereint als Pastewka sämtliche Eigenschaften in sich, die jeder weit von sich weisen würde. Missgunst, Konfliktscheu, Egoismus, um wirklich nur einige zu nennen. Er agiert so, wie niemand sein möchte, aber die allermeisten doch manchmal sind. Gut, nicht ganz so unausstehlich, aber im Grunde schon. Wer Pastewka in Pastewka zuschaut, erkennt sich selbst. Sind wir nicht alle ein bisschen Pastewka?

Für Neulinge und Vergessliche sind auch die ersten sieben Staffeln der Serie bei Amazon verfügbar, denn die Verwertungsrechte liegen nicht etwa bei Sat 1, sondern bei der Produktionsfirma Brainpool, die sie ihren Partnern für einen begrenzten Zeitraum exklusiv zur Verfügung stellt. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass Pastewka später auch noch im Free-TV läuft", sagt Baumann. Anders als beim in Deutschland vorherrschenden Modell der Auftragsproduktion muss er hier in Vorleistung treten und die ganze Verwertungskette im Blick behalten, um die eigenen Investitionen wieder hereinzuholen. Zu Finanzierungsfragen äußert sich der Produzent nur vage: "Wir kommen klar", sagt er. "Es ist aber nicht so, dass jemand mit einem großen Sack Geld kommt und sagt: Macht damit, was ihr wollt."

Was Brainpool indes entgegenkommt, ist, dass die alte Branchenweisheit "Comedy doesn't travel" offenbar nicht mehr in gleichem Maße gilt wie früher und auch deutsche Formate auf dem globalisierten TV-Markt durchaus nachgefragt sind. "Wir haben zuletzt Ladykracher nach Kanada lizensiert", erzählt Baumann. Je größer der Bedarf an neuen Inhalten ist, desto verführerischer erscheint die Möglichkeit, auf vorhandene Formate mit adaptierbaren Skripts zurückzugreifen.

Pastewka hat durchaus Anklänge an die HBO-Serie Curb Your Enthusiasm, in der Seinfeld-Schöpfer Larry David sich selbst parodiert. Trotzdem ist man stolz auf die eigene Kreativleistung, die bei Amazon in eine neue Phase eintreten soll. "Wir haben nicht vier Jahre pausiert, um nur noch eine Gnaden-Staffel mit übriggebliebenen Ideen dranzuhängen", sagt Bastian Pastewka. Die Chance, ab Folge 68 noch einmal richtig durchzustarten, wolle man nutzen: "Vor fünf Jahren habe ich gesagt: Bis Folge 100 möchte ich mich spielen. Das war mein Ernst und ist es bis heute."

Pastewka, bei Amazon.

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