Otto-Brenner-Stiftung über "Bild" Ines ist traurig

Die Otto-Brenner-Stiftung arbeitet sich bereits zum dritten Mal an der "Bild"-Zeitung ab. Ganz fertig scheint die Studie zum Bundestagswahlkampf aber leider nicht geworden zu sein.

Von Claudia Tieschky

Auf den letzten Seiten der neuen Otto-Brenner-Studie über Bild gibt es für alle, die es nicht kapiert haben, gewaltig Nachhilfe. Als "Epilog" überschrieben steht da "eine kleine Geschichte über Ines und Kai". Ines ist Journalistin, Kai "nennt sich Journalist". Erzählt wird ein Gleichnis, in dem Ines und Kai als Redner auftauchen. Ines "will wichtige Neuigkeiten richtig darstellen", Kai "zieht alle Register", gewinnt Einfluss und Publikum. Am Schluss werden Kai und Ines zurückverwandelt in Zeitungsmacher. Kai bekommt Preise von "den Chefs des Journalismus": "So schützen sie Kais journalistischen Schein wie eine Prätorianer-Garde". Und Ines? Sie ist irgendwie traurig, zumindest endet die Geschichte in verzagtem Moll: "Ines steht ein bisschen abseits".

Meinen die das ernst? Und wie. Bild-Chef Kai Diekmann und taz-Chefin Ines Pohl - deren Nachnamen aus unerfindlichen Gründen nicht fallen - sind das Monster und das Mädchen in dieser Struwwelpeter-Geschichte vom bösen Ende des Journalismus. So eine Verschlichtung hätte man eher in Bild erwartet als in einer Studie über sie. Zum dritten Mal haben sich Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz für die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall mit Springers Boulevard-Schwestern Bild (verkaufte Auflage 2,4 Millionen) und Bams (knapp 1,2 Millionen) auseinandergesetzt. Nach Drucksache Bild und Bild und Wulff beschäftigen sie sich nun mit der politischen Berichterstattung zur Bundestagswahl zwischen dem 15. Juni und dem 30. September 2013.

Wie der Titel Missbrauchte Politik nahelegt, kommt Fundamentalkritik heraus: Bild habe Angela Merkel hofiert, Peer Steinbrück als Verlierer oder Witzfigur dargestellt, die Grünen kampagnenartig attackiert und Politik zur Unterhaltung gemacht. Der Befund der anderen Studien war: Bild sei keine Zeitung, sondern Verkaufsmaschine, die vor allem größtmögliche Aufmerksamkeit für sich produziere. Jetzt wollen Arlt/Storz Bild auch den Begriff Journalismus aberkennen, der habe dort "als Mittel für ihre Unternehmensziele" ausgedient. Es sei "Publizismus", was Bild betreibe.

Das Wort könnte man ja auch glatt für die Erfindung des größten Verlagsmanagers aller Zeiten, des Springer-Chefs Mathias Döpfner halten, der gerade den Großteil seiner Print-Titel verkauft hat und den printfreien Digitalkonzern anstrebt. Bei Arlt/Storz aber ist Publizismus, auch in der Variation "Besteller-Publizismus", ein Kampfbegriff. Dem Publizismus gehe es einzig um Aufmerksamkeit beim Publikum, egal "ob er gerade Werbung, Unterhaltung, PR oder Journalismus macht, Hauptsache das Ergebnis pro Aktie stimmt".

Von Wallraff bis Bild-Blog

Die Methoden der Bild, die zur WM die Deutschen wieder mit einer Gratisausgabe zwangsbeglückt und als neueste Kolumnistin die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann vermeldet, waren schon immer ein Fall für sich. Günter Wallraff hat darüber 1977 den Bestseller Der Aufmacher geschrieben. Zur Zeit macht der von Stefan Niggemeier gegründete Bild-Blog die Kontrollarbeit. Alle Befunde von Arlt und Storz sind daher die Auseinandersetzung wert.

Die Studie legt interessante Befunde vor, aber sie ist leider nicht fertig geworden. So ist es weltfremd, wenn die Autoren Rentabilität als Faktor verdammen - Journalismus ohne Geschäftsmodell funktioniert halt leider nicht gut, bei Springer so wenig wie bei allen anderen Medien. Dass bei Bild.de im Untersuchungszeitraum ein kostenpflichtiges Abo-Modell installiert worden ist, das die Marke Bild auf die digitale Probe stellt, kommt nicht vor. Dabei wäre es genau an dem Punkt interessant geworden: Wie bild.de das aufmerksamkeitsgetriebene Medium Internet für seinen Publizismus zu nutzen weiß - und was das über Springers Journalismus sagt. Chance verpasst. Möglich, dass auch Ines da ein bisschen traurig ist.