"Wikitribune" Kann man so das Vertrauen in die Medien zurückgewinnen?

Mann mit Weitblick: Jimmy Wales hat die Online-Enzyklopädie Wikipedia mitgegründet.

(Foto: ZUMA Press/imago)

Mit schreibenden Lesern will "Wikitribune" ein globales Erfolgsunternehmen in Zeiten von "alternativen Fakten" werden. Klingt großspurig - aber Gründer Jimmy Wales hat Erfahrung.

Von Christoph Fuchs

Dem Leser Paul Ratti hat es nicht gefallen, dass das Weltwirtschaftsforum in Davos in einem Artikel als "love-in" - also als eine Art Liebestreffen - der globalen Elite beschrieben wurde. Zu "leitartikelhaft" fand er die Wortwahl des Autors. In der alten Welt wäre das der Moment gewesen, an dem Paul Ratti seinem Ärger vielleicht per Leserbrief oder Facebook-Kommentar Luft gemacht hätte. Ratti hat aber etwas anderes getan: Er hat den Artikel geändert, jetzt ist dort die Rede von einem "Treffen" der Elite in Davos. Auf der Seite wikitribune.com können Leser Artikel einfach umschreiben, das sollen sie sogar. Auf diese Weise, so der Wunsch des Gründers der Seite, soll das in Zeiten von "alternativen Fakten" gefährdete Vertrauen in die Medien wiedergewonnen werden.

Mit diesem Anspruch jedenfalls ist die Seite vor gut drei Monaten gestartet. "Hello world", schrieb da der Gründer Jimmy Wales. Als Wales das zum letzten Mal geschrieben hat, war es der Beginn von Wikipedia. Und weil nun eben wieder Wales dahintersteckt, klang es zwar schon recht großspurig, dass er "einen globalen, mehrsprachigen, neutralen Qualitäts-Nachrichtendienst" erschaffen will. Aber eben auch nicht völlig weltfremd, denn die Ankündigung kam ja immerhin von demjenigen, der mit seiner Gründung Wikipedia schon ein globales, mehrsprachiges Wissensdepot auf die Beine gestellt hat.

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Seit 31. Oktober ist die Seite online, Chefredakteur Peter Bale sagt aber, man befinde sich noch im Stadium eines "Experiments", worauf mit dem Wort "Pilot" neben dem Logo auch hingewiesen wird. Aber was heißt "fertig" bei einer Seite, deren Grundgedanke es nun mal ist, dass jeder Nutzer jeden Artikel weiterschreiben kann. Gerade ist ein guter Moment für eine Bestandsaufnahme, denn aus Bales Sicht ist die Zeit gekommen, wo die wachsende Community sich in großem Maße einbringen soll. Was also ist bisher entstanden?

Das Wikipedia-Prinzip: Die Gemeinschaft weiß mehr als der Einzelne

Am einfachsten zu beantworten ist die Frage, wie viele Leute schon da sind in dieser neuen Spielart des Journalismus: 13 Redakteure beschäftigt die Seite, die meisten davon sitzen in London, die übrigen schalten sich aus Neuseeland, den USA und Irland dazu. Viel wichtiger aber: Die Zahl der angemeldeten Nutzer ist von 1 900 beim Start angestiegen auf 7 700. Auf die Nutzer wird es ankommen, denn Wikitribune soll "crowd-sourced" sein, also das Wikipedia-Prinzip fortsetzen, dass die Gemeinschaft mehr weiß als der Einzelne.

In der Praxis sieht dieses Konzept derzeit so aus: Die Artikel, bislang alle englischsprachig, beschäftigen sich mit Politik, Wissenschaft und Technik. Schon jetzt sind die Ursprungs-Autoren manchmal einfache Nutzer wie zum Beispiel ein sehr aktiver französischer Botschafter im Ruhestand. Häufiger sind es derzeit allerdings die bei Wikitribune angestellten Redakteure, die einen Artikel beginnen. Aber neben deren Namen steht, wie viele Menschen zu einem Artikel beigetragen haben - und das ist die Zahl, die zeigt, wohin das Projekt gehen soll. Derzeit sind es pro Artikel meist zwischen fünf und zehn Nutzern, die an den Texten weiterschreiben.

Mit Wikitribune legt Jimmy Wales nach.

(Foto: Screenshot)

Im Weiterschreiben sieht Bale einen zweiten Unterschied zum klassischen Journalismus: "Anders als eine Story, die eine Zeitung gedruckt hat, aktualisieren wir die Artikel. Manche halten sich Wochen oder sogar Monate." Erste Informationen werden gelöscht oder zusammengefasst, neue Entwicklungen hinzugefügt. Die Änderungen sind in einer Historie nachverfolgbar mit kurzen Vermerken, was in welchem Umfang gemacht wurde. Liest man die Vermerke, fühlt man sich etwa ein Sonnensystem entfernt von den Kleinkriegen, die mithilfe der Kommentarfunktion bisweilen unter Artikeln auf klassischen Nachrichtenseiten ausgetragen werden. Einige Verlage haben die Funktion inzwischen eingeschränkt oder abgeschafft. Auch Bale ist bewusst, dass die Offenheit ein Risiko ist, aber bisher, sagt er, sei kaum Missbrauch vorgekommen. Was auch daran liegen könnte, dass die ersten Nutzer solche sind, die auch bei Wikipedia schreiben und die Manieren von dort mitgebracht haben.

Dass im Wikitribune-Nutzer der Autor einer Nachricht, ihr Leser und ihr Korrekturleser miteinander verschmelzen, ist der Kern der Idee von Jimmy Wales. Entstanden ist sie vor etwa einem Jahr, zwei Tage nach der Amtseinführung von Donald Trump: Als dessen Beraterin Kellyanne Conway mit Blick auf die Größe des Publikums von "alternativen Fakten" sprach, "da ist mein Kopf explodiert", berichtete Wales kürzlich, und er entschied sich, die Idee von Wikitribune, die er schon länger mit sich herumtrug, umzusetzen: Nachrichten, so objektiv, neutral und faktenbasiert wie möglich. Als Chefredakteur holte er Bale dazu, der zuvor das International Consortium for Investigative Journalists aufgebaut hatte, das etwa die Recherchen zu den Panama Papers koordiniert hat.

Werbung als Motor für klickgetriebene Unseriosität

Früh stand fest: Meinungsstücke soll es bei Wikitribune nicht geben, was bemerkenswert ist, weil manche Verlage gerade in "mehr Meinung" die Zukunft sehen. Mit einer Stilfibel will Bale einem aus seiner Sicht oft leichtfertigen Umgang mancher Medien mit Sprache entgegentreten: "Wenn wir etwas als empörend bezeichnen, dann nur, wenn wir das auch belegen können." Was zur Transparenz führt, die Wikitribune hinsichtlich seiner Quellen herstellen will. Tatsächlich sind die Artikel auf Wikitribune in einer nüchternen Sprache gehalten und die Fußnotendichte in Form von Links ist recht hoch. Wobei die Links nicht selten zu anderen Nachrichtenseiten führen. Man traut den faktenbasierten Journalismus also auch anderen zu. Bale selbst hat jahrelang für die Agentur Reuters gearbeitet und schätzt deren Arbeit.

Nicht ins Konzept passt Werbung, die sieht Bale als Motor für klickgetriebene Unseriosität. Stattdessen sollen die mitschreibenden Leser das Projekt finanzieren. Etwa 12 000 Unterstützer hat die Seite zum Start mit einer Kampagne gefunden. Das ist etwa die Größenordnung, mit der 2014 Krautreporter startete, das hierzulande bislang größte Crowdfunding-Projekt im Journalismus. Die Hoffnung, dass das Modell langfristig funktioniert, gründet darauf, dass die Seite nicht nur crowd-finanziert ist, sondern auch crowd-geschrieben. Im Idealfall schreiben bald die Leser das meiste selbst, sodass das Budget für Journalisten gar nicht so groß sein muss.

Damit das klappt, muss die Community nun schnell wachsen. Auch um genügend Korrekturleser zu haben, die Falsches aussieben. Ob die Diskussionskultur so ruhig bleibt oder sich langsam der Tonlage in hitzigen Leserbriefen und Facebook-Kommentaren annähert - für den Erfolg von Wikitribune dürfte das eine der wichtigsten Fragen sein.

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