Offener Brief von Kapitalismuskritiker Piketty Wenn Wissenschaftler Kampagne machen

Wendet sich in einem offenen Brief gegen die Griechenland-Politik von Angela Merkel: Thomas Piketty.

(Foto: AFP)
  • In einem offenen Brief wenden sich Thomas Piketty und andere namhafte Ökonomen gegen die Griechenland-Politik von Angela Merkel.
  • Hinter dem Schreiben steht die umstrittene Aktivistenorganisation Avaaz, die unter anderem schon Journalisten in syrisches Kriegsgebiet schmuggelte.
  • Mit Pikettys Brief ist Avaaz ein Coup gelungen - doch Medien und Wissenschaft dürfen politisch keine Partei ergreifen.
Von Andrian Kreye

Wer seiner Meinung im digitalen Zeitalter ein breites Forum schaffen will, muss ein "Mem" schaffen, eines jener Internetfundstücke, das in wenigen Stunden oder Tagen Tausende oder gar Millionen Mal weltweit verbreitet wird. Dem Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty ist das gerade mit einem offenen Brief zur Griechenlandkrise an Angela Merkel gelungen, den er am Dienstag mit dem Titel "Der Sparkurs ist gescheitert" auf der Webseite des amerikanischen Politikmagazins The Nation veröffentlichte.

Pikettys Brief ist ein besonders interessanter Fall, weil er die Methoden der traditionellen intellektuellen Debatte mit der Dynamik des Internets verknüpft. Das führt zu einem exemplarischen Dilemma. Der Brief selbst ist wissenschaftlich fundiert und klug argumentiert. Die Methode, mit der er in globalen Umlauf kam, ist raffiniert, aber ethisch fragwürdig.

Grundlage des Mems ist hier die Figur Thomas Piketty. Seit seine mehr als 800 Seiten umfassende Analyse "Das Kapital im 21. Jahrhundert" im vorigen Jahr zum internationalen Bestseller aufstieg, ist der französische Ökonom ein globaler Markenname, der aus sich selbst schon Aufmerksamkeit erregt. Verstärkt wird die Wirkung des Briefs dadurch, dass er sich mit vier weiteren Schwergewichten seines Feldes zusammentat.

Ein Mitkämpfer von Piketty berät Bono und Angelina Jolie

Pikettys Mitautoren sind Jeffrey Sachs von der New Yorker Columbia University, der weltweit gegen Armut kämpft und dabei UN-Chef Ban Ki Moon, Rockstar Bono und Schauspielerin Angelina Jolie berät; Dani Rodrik, der an Harvards Kennedy School als Professor für Wirtschaftspolitik unterrichtet; Simon Wren-Lewis, der in Oxford als Professor of Economic Policy lehrt; der Deutsche Heiner Flassbeck, der sich als Wirtschaftswissenschaftler gegen ideologische Verhärtungen seines Feldes und der öffentlichen Meinung engagiert.

Wie schwer das häufig ist, erzählt Flassbeck beim Telefonat mit der SZ. Nicht nur in den Wissenschaften - aufgrund des offenen Briefs habe ihn das "ZDF Mittagsmagazin" eingeladen. Die Moderatorin war mehrere Male erstaunt, als er gesagt habe, dass Deutschlands Handeln in der Griechenlandkrise das Problem sein könnte.

Wie sich fünf solcher Schwergewichte zu einem so wirkmächtigen Brief zusammenfinden? Heiner Flassbeck sagt, er habe auf die Anfrage eines Kommunikationsmanagers namens Daniel Boese reagiert, danach habe man sich das Schreiben untereinander zugeschickt. Mit Boese selbst habe er nicht gesprochen. Der ist mehrfach preisgekrönter Journalist, der in seinem Buch "Wir sind jung und brauchen die Welt" beschrieben hat, wie Klimakämpfer mit sozialen Medien ein politisches Instrument mit weitreichender Wirkung schufen.

Journalisten ins Kriegsgebiet geschmuggelt

Auf seinem Twitterkonto weist sich Boese als "media campaigner for Avaaz" aus. Avaaz ist eine umstrittene digitale Aktivistenorganisation mit nach eigener Aussage weltweit knapp 42 Millionen Mitgliedern, die seit 2007 globale Kampagnen lanciert. Ihre Geschichte ist verzweigt. Hervorgegangen ist sie aus der digitalen Organisation moveon.org, die 1998 von Aktivisten gegründet wurde, die der amerikanischen Partei der Demokraten nahestanden.

Die Anliegen von Avaaz sind breit gefächert. Tier- und Umweltschutz, Klimawandel, Kampagnen gegen China, das Militärgefängnis Guantanamo und Korruption in Indien gehörten dazu. Und jetzt eben auch Griechenland. Allesamt ehrbare Anliegen. Schwierig wird das allerdings, weil Avaaz sich nicht als weitgehend Plattform für Aktivismus definiert, wie etwa die Konkurrenz change.org, sondern sich auch in der Hilfsarbeit versucht. Aktivisten der Organisation haben zum Beispiel im Syrienkrieg aktiv ins Geschehen eingegriffen.

Avaaz schmuggelte damals nicht nur humanitäre Hilfsgüter, sondern auch Journalisten ins Kriegsgebiet. Als ein Medienzentrum von Avaaz in Baba Amr, einem Stadtteil von Homs, unter Beschuss geriet, starben zwei Journalisten. Bei der Evakuierung überlebender Reporter kamen 13 syrische Aktivisten ums Leben. Avaaz und ihr Gründer Ricken Patel inszenierten sich als Märtyrer des Menschenrechtskampfes. Das galt als Paradebeispiel für gut gemeinten, an der Front aber hochgefährlichen Aktionismus digitaler Politikamateure.

Medien und Wissenschaft dürfen politisch keine Partei ergreifen

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Nun ist Avaaz mit Pikettys Brief ein Coup gelungen. Zum Brief gibt es auch eine Solidaritätsbekundung, die bei Redaktionsschluss 517 761 Menschen unterzeichnet hatten. Am 6. Juli inszenierte Avaaz am Rande der Gespräche zwischen Merkel und Hollande in Paris Demonstrationen.

Wo das Problem liegt? Es ist die Trennung der außerparlamentarischen Gewalten. Wenn sich Medien und Wissenschaft als Aktivisten verstehen, haben sie ihre gesellschaftliche Rolle verspielt. Die drei Gewalten können sich hervorragend ergänzen. Medien und Wissenschaft dürfen allerdings politisch keine Partei ergreifen. Aktivisten müssen das.

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