Österreichische Sprache in Not "Bundesdeutsch" sekkiert den "Paradeiser"

Durch Film und Fernsehen schwappt die hochdeutsche Sprache nach Österreich. Sprachforscher erwarten schon das Ende der "Marille" und der "Stiege". Zumindest ein österreichischer Begriff lässt sich aber wohl nicht vertreiben.

Eine gut sortierte Wiener Obst- und Gemüsetheke ist für Deutsche eine Herausforderung. Weniger kulinarisch als sprachlich. "50 Deka Paradeiser, 20 Deka Fisolen und eine Melanzani. Dazu ein paar Marillen", würde etwa ein Österreicher verlangen. Und hinzufügen: "Und noch etwas von den Ribiseln. Haben Sie auch ein Sackerl?" Diese Ausdrücke könnten bald der Vergangenheit angehören.

Zwar hört man in Wien zur Begrüßung weiterhin "Grüß Gott" und "Servus" (nur wenn man sich duzt!). Aber bei der Arbeit oder in Kneipen rufen viele lieber ein schnelles "Hallo". Zum Abschied heißt es immer öfter "Tschüss" und nicht mehr "Baba" (Betonung hinten). Unter dem Druck des Hochdeutschen aus dem Norden schwindet die österreichische Sprache dahin. Fernsehen, Kino und Internet trimmen Kinder und Jugendliche auf klassisches "Bundesdeutsch", wie man in Österreich gerne mal das Hochdeutsche nennt.

Das zeigt eine Untersuchung des emeritierten Germanistik-Professors Peter Wiesinger. Der Wiener Sprachwissenschaftler ließ Studenten Bilder betiteln - mit wenig erfreulichen Ergebnissen, wie er sagt. Ein Drittel schrieb statt der österreichischen "Stiege" den in Deutschland üblichen Begriff "Treppe". Statt "Kassa" hieß es "Kasse", statt "ein Einser" oft "eine Eins".

Verschiedene Begriffe für die selbe Sache kennt man auch in Deutschland. In Bäckereien gibt es je nach Region Brötchen, Schrippen oder Semmeln. In Österreich hielt sich bislang aber durch Einflüsse aus Osteuropa und Italien ein eigenständiges Deutsch. Wissenschaftler klassifizieren es nicht als Dialekt, sondern als Varietät.

Wie es schon das ausgiebig zitierte Bonmot des Wiener Kabarettisten Karl Farkas zusammenfasst: "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache." Noch halten sich auf Gemüsemärkten die österreichischen Worte für Tomaten (Paradeiser), Bohnen (Fisolen), Auberginen (Melanzani), Aprikosen (aus dem französischen im Gegensatz zu der italienischstämmigen "Marille") und Johannisbeeren (Ribisel).

Bei den Metzgern kommt man mit dem Wunsch nach Faschiertem und Beiried weiter als mit Hackfleisch oder Roastbeef. Deutsche wundern sich auch gerne über Begriffe, die nicht unbedingt mit Lebensmitteln zusammenhängen, wie Gelse (Mücke), Kren (Meerrettich), Kasten (Schrank), Sessel (Stuhl) oder Leintuch (Laken).