Nikolaus Brender und das ZDF Vergnügt im Triumph

Das Urteil des Verfassungsgerichts macht Nikolaus Brender gute Laune.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Weil er der Politik unbequem war, verlor Nikolaus Brender 2009 seinen Job als ZDF-Chefredakteur. Der Fall ging vor das Verfassungsgericht, das Urteil fiel zu Brenders Gunsten aus. Ein Treffen mit einem, der gerade den Rundfunk verändert hat.

Von Claudia Tieschky

Nach dem Urteil frühstückte Nikolaus Brender am Donnerstag auswärts, Spiegeleier mit Schinken und Grünzeug. Anschließend brachte er Hemden zur Wäscherei. Brender, 65, ist gerade einige Tage allein Zuhause in der Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. In dem hellgrau gestrichenen Esszimmer steht ein großer roter Tisch, der einer ganzen Gesellschaft Platz bieten kann. Auf dem Tisch liegt das Urteil. Es ist mit säuberlichen Unterstreichungen und Bemerkungen versehen. Auf dem Tisch liegt ein Teil von Brenders Leben.

Es ist die Woche, in der das Verfassungsgericht den Rundfunk verändert hat, und das wegen Nikolaus Brender. Aus Karlsruhe erging der Auftrag an die Länder, Gesetze neu zu schreiben. Der Einfluss der Politik auf die Sender, der so groß war und so wunderbar, galt den Parteien all die Jahre als Selbstverständlichkeit. So wird es nie mehr sein. Der Spruch aus Karlsruhe ist ein Auftrag zur Selbstentmachtung. Es kommt die Zeit des Zähneknirschens.

Nach Karlsruhe ist der Freiburger Jurastudent Brender einst gefahren, um höchstrichterliche Urteile zu hören. An diesem Dienstag ging es um seinen eigenen Fall. Wenn man ihn fragt, was er fühlte an diesem Tag, dann spricht Brender erst nicht von sich. Er redet von der Schlichtheit des Gebäudes und des Saals, die ihn beeindruckt habe. Wie viel die neue deutsche Republik doch, sagt Brender fast liebevoll, überwunden habe seit Roland Freislers Volksgerichtshof in der NS-Zeit. Und nun diese "eindrücklichen Autorität des Gerichts, die kein Gepränge braucht". Das spüre man im Übrigen auch an den Formulierungen, sagt der Fernsehmann mit seinem Sprachgefühl und zeigt auf das Urteil, das vor ihm liegt: "Gesprochen hört sich das schöner an als geschrieben."

Irrsinn hinter Tapetentüren

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts befreit das ZDF von einer unglaublichen Last. Die Entscheidung, den Einfluss von Staat und Parteien zurückzudrängen, sprengt ein System, das den Sender in politische Pfründe aufgeteilt hatte. Ironie der Geschichte: Das System hat seine Abschaffung selbst befördert. Ein Kommentar von Claudia Tieschky mehr ...

Natürlich war es für ihn ein großer Augenblick. Seine Ablösung als ZDF-Chefredakteur durch den unionsdominierten ZDF-Verwaltungsrat im November 2009 führte ja erst zur Verfassungsklage. Nach der öffentlichen Empörung darüber war plötzlich all das zu viel, was jahrelang ganz normal war: Die vielen Wege der Politiker in der Senderaufsicht, Einfluss zu nehmen. Hessens damaliger CDU-Ministerpräsident Roland Koch, Mitglied im ZDF-Verwaltungsrat, hatte seine Ablehnung für eine Vertragsverlängerung Brenders vorab öffentlich erklärt. Es war ein Eingriff mit Ankündigung. Und das beste: laut Senderverfassung völlig legal. Nun gibt es eine Quote von 30 Prozent für staatsnahe Gremienmitglieder. Fast wichtiger ist, dass das Gericht mit dem Usus aufräumt, versteckte Parteigänger in Fernsehrat und Aufsichtsrat zu senden und mehr gesellschaftlichen Mix verlangt. Frühling auf dem Lerchenberg?

Zum Leben von Nikolaus Brender wiederum gehört, dass er seinen Vater sehr mochte. Für das ZDF bekam das in gewisser Weise Bedeutung . Ein Spruch des Vaters lautete: "Rückenwind macht Beine, Gegenwind einen festen Stand". Nichts aber hatte den Sohn darauf vorbereitet, einmal zum roten Tuch für die Schwarzen zu werden. In die Schule ging er bei den ganz Schwarzen, bei den Jesuiten von St. Blasien im Schwarzwald, wo auch Heiner Geißler lernte. Mit 20 war Brender stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Union. Eine Tatsache, über die er im Jahr 2000 den damaligen ZDF-Intendanten Dieter Stolte vor seiner Wahl zum Chefredakteur vorsorglich in Kenntnis setzte. Denn schließlich war Brender, der vom angeblich linken WDR zum ZDF kam, nach der Farbenlehre auf dem Lerchenberg für die Roten gekauft worden. Die Machtaufteilung nach alter Bonner Lehre hat Brender gehasst - aus Prinzip.