Neues Wochenblatt Heimvorteil

Die "Leipziger Zeitung" soll der kargen Presselandschaft in der sächsischen Großstadt eine vielseitige publizistische Stimme hinzufügen. Bis zum 30. April läuft die Erprobungsphase.

Von Cornelius Pollmer

Die Frau am Telefon hatte gesagt: Kommen Sie zum Westwerk, in die grüne Villa rechter Hand! Man geht also zum Westwerk. Rechter Hand steht ein Haus, keine richtige Villa, das sumpfige Grün der Fassade sieht ergraut und ungesund aus. Kommen Sie in unsere Übergangsräume!, sagt der Mann am Eingang. Man geht also durch eine Tür, auf der "Diaspora*" steht. Moritz Arand kassiert seinen Plural, es sei nur dieses eine Zimmer, ein Übergangsraum also. Dann reicht er die Nullnummer der Leipziger Zeitung (LZ) herüber, Arands Kollege Cesare Stercken relativiert auch diese. Es handele sich mehr um eine "exemplarische Darstellung" als um eine richtige Ausgabe.

Die Medienlandschaft des Ostens hat nie den Status blühend erreicht

Man spricht jetzt also mit den richtigen Leuten am einzig richtigen Ort über den kleinen Wahnsinn, den sie hier fabrizieren wollen. Man spricht mit Arand und Stercken über Schein und Sein, Charme und Schwierigkeiten bei der - ja, wirklich - Neugründung einer Zeitung.

Die Medienlandschaft des Ostens hat nie den Status blühend erreicht. Nun soll Leipzig eine lokale Wochenzeitung bekommen. So richtig gedruckt, mit Falz und Buchstaben und dem großen Themenbogen von Politik bis Sport. Wie das klingt? Erst mal nach Liebe in Zeiten der Cholera. Nach einem Gedanken, dessen Vater auf den Namen Wunsch hört. Zugleich scheint der Versuch seltsam logisch, das liegt am Markt und an der LZ, seinem neuen Vielleicht-Teilnehmer.

Die erste Tageszeitung der Welt wurde in Leipzig gedruckt, bald nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Der Drucker Timotheus Ritzsch brachte an sechs Tagen der Woche seine Einkommenden Zeitungen heraus. Wer sich heute in Leipzig auf irgendwie seriöse Weise informieren will, der liest das von Hannover aus regierte Madsack-Blatt Leipziger Volkszeitung oder das sehr gute Monatsmagazin kreuzer. Formal gesehen dazwischen möchte sich die LZ einsortieren, mit eher schmaler Kostenbasis wird sie von Menschen gemacht, die bislang mit einem Blog, einer Stadtteilzeitung oder einem lokalen Nachrichtenportal am Diskurs teilnahmen.

Die Macher um Cesare Stercken (r.) und Moritz Arand (2. v. r.) bei einer ihrer Leserkonferenzen.

(Foto: Leipziger Zeitung)

Richtig muss es allerdings heißen: Sie soll gemacht werden. Im Übergangsraum von Arand und Stercken stapeln sich die Exemplare der Ausgabe Null zu einer kleinen Skyline, ein Zähler auf ihrer Webseite verrät, wie viel von den Stapeln bereits abgetragen ist. Einzelexemplare für je 2,10 Euro haben Arand und Stercken am Grosso vorbei in lokalen Geschäften platziert, für die wöchentliche Haustürlieferung werden 69 Euro im Jahr fällig. 1010 Exemplare sind bislang verkauft worden und, wichtiger noch, 733 Abos wurden abgeschlossen. Als Zielmarken sind 5000 Abos ausgegeben (langfristig 12 000) und eine Druckauflage von 30 000. Die Erprobungsphase läuft bis zum 30. April und obwohl die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit noch groß scheint, sagt Cesare Stercken: "Der point of no return ist überschritten." Ins Deutsche lässt sich das ungefähr so übersetzen: Wir machen das jetzt. Punkt.

Tatkraft und Wagemut haben die Macher - die Unbekannte bleibt der Markt

Und was machen die jetzt? Der Aufmacher der Nullnummer ist überschrieben mit "Ein anderer Beginn". Arand sagt, man wolle den Journalismus nicht revolutionieren, nicht einmal das Konzept der Wochenzeitung. "Ich finde wichtig, dass es lokal ist, auch in den Verkaufsnetzen. Da haben alle mehr davon." Wenn man Cesare Stercken wiederum fragt, wie denn eine gute Titelgeschichte für die erste Ausgabe aussehen könnte, dann überlegt er sehr lange und sagt schließlich: "LVZ verlegt ihre Lokalzeitung nach Hannover".

In der Testausgabe der LZ gibt es eine Reportage über das Leipziger Kinderheim Tabaluga, das Porträt einer Diskuswerferin, einen Schwerpunkt zum sich auch in Leipzig teils rasant verteuernden Wohnraum. Viele Interviews. Publizistisch ist die LZ in Summe der Versuch, eine Stimme in einer Stadt zu etablieren, in der es nicht sehr viele vernehmbare publizistische Stimmen gibt. Aus Sicht der Vermarktung ist sie der Versuch, ein Angebot zwischen Krautreporter und Bioladen zu formulieren. "Da kommt jetzt eben nicht Gruner + Jahr und macht das zwölfte Landlust-Magazin", sagt Cesare Stercken. Und im Untertitel der LZ steht "Die Wochenzeitung in Leipzig - lokal, fair und transparent".

Neuland: Die Testausgabe der Leipziger Zeitung.

(Foto: Leipziger Zeitung)

Gerade touren die drei Gründer und Geschäftsführer der Leipziger Zeitung mit einer kleinen Reihe von Leserkonferenzen durch ihre Stadt. Sie wollen herausfinden, was das potenzielle Publikum für Erwartungen hat - wirklich Konkretes wissen Arand und Stercken von diesen Treffen allerdings nicht zu berichten. Gab es sonst noch Marktforschung? "Die 25 hier beteiligten Menschen mit ihren subjektivem Umfeld, das ist unsere Marktforschung", sagt Stercken. Er sagt das mit verblüffendem Frohsinn, man ist dann aber doch beruhigt zu hören, dass Stercken und Arand im Falle eines Scheiterns der LZ einfach weiter in der Hafenbar kochen, deren Betreiber Stercken im Hauptberuf ist.

Tatkraft und Wagemut sind Arand und Stercken anzumerken, die Unbekannte bleibt der Markt, von dem ja immer so viel abhängt und von dem man, Hand aufs Herz, in letzter Zeit nicht allzu viel Gutes gehört hat. Die bisher erreichten 733 Abos schätzt Arand als "beachtlich" ein, die Zuversicht von Stercken äußert sich auch darin, dass er demnächst einen Vorvertrag für neue Räume unterschreiben möchte.

Womöglich wünscht man einem Projekt wie der Leipziger Zeitung den Erfolg mehr, als man ganz ernsthaft mit ihm rechnet. Und so schwingt ein Satz von Moritz Arand nach, als man die "Villa" wieder verlassen hat. Auch Arand hatte man nach einer Idee für den ersten Titel gefragt, der, wenn es gut läuft, frühestens im Mai erscheinen soll. Arand sagte: "Mir wäre eine Erfolgsmeldung lieber. Schlechte Nachrichten gibt es doch schon genug."